
– Ein Artikel von Jurist und Lehrer Ralph Studer von Zukunft CH
Die Gewalt und Christenverfolgungen in Nigeria haben in den letzten Wochen und Monaten stark zugenommen. Doch sowohl die Politik als auch viele Medien in westlichen Ländern reagieren kaum auf diese brutalen Vorgänge. Solidaritäts- und Unterstützungsbekundungen der westlichen Christen für ihre verfolgten Glaubensgeschwister haben Seltenheitswert. Es entsteht der Eindruck einer bewussten Gleichgültigkeit gegenüber dem immensen Leid der christlichen Minderheit.
Als die 20-jährige Adah zum Christentum konvertieren will, ahnt sie trotz der bekannten Gefahr nicht, welche gravierenden Folgen diese Entscheidung hat. Nach Gesprächen und Begegnungen mit Kirchenleiter David entscheidet Adah Ende 2023, Christin zu werden. Daraufhin erhält sie ernstzunehmende Morddrohungen von Familienangehörigen und anderen Bekannten. Sie muss aus ihrer Heimat fliehen. David und Ezekiel, ein weiterer Kirchenleiter, verhelfen ihr und einer weiteren jungen Frau zur Flucht und verstecken sie (alle Namen geändert).
Zwei Wochen nach der Flucht nehmen Anhänger der muslimischen Gemeinschaft die beiden Kirchenleiter rechtswidrig fest. Sie werden wochenlang gefoltert, bevor sie der Polizei übergeben werden. Pastor Ezekiel wird nach rechtlicher Intervention freigelassen, doch David wird fälschlicherweise der Entführung und anderer Verbrechen angeklagt. Ein Scharia-Gericht verurteilt ihn ohne Rechtsbeistand zu neun Jahren Haft.
Dank der rechtlichen Unterstützung durch die christliche Menschenrechtsorganisation ADF International kommt der Fall vors Berufungsgericht. Im Juli 2025 hebt das Oberste Gericht des Staates Bauchi in Nigeria das Urteil vollständig auf. Der Fall zeigt exemplarisch, welchen Risiken Christen in Nordnigeria für ihren Glauben auf sich nehmen. «Trotz der Verfolgung, die viele in meinem Umfeld erfahren, weiß ich, dass ich ewiges Leben habe. Das ist unsere Ermutigung: Meine Gemeinde und ich, als Christen, freuen uns über die Gewissheit, die uns das Wort Gottes schenkt. Darin finden wir unsere Zuversicht und unseren Frieden», erklärt David.
Tragischerweise sind Fälle wie der von David in Nigeria keine Seltenheit. Yahaya Sharif-Aminu, ein nigerianischer Sufi-Musiker, klagt vor dem Obersten Gerichtshof Nigerias gegen das Blasphemie-Gesetz des Bundesstaates Kano. Es handelt sich dabei um jenes Gesetz, aufgrund dessen er 2020 ohne rechtlichen Beistand zum Tode verurteilt wurde. Sein «Vergehen»: Er teilte Sprachnachrichten mit Liedtexten auf WhatsApp, die als blasphemisch gegenüber dem Propheten Mohammed eingestuft wurden.
Rhoda Jatau, Krankenschwester und Mutter von fünf Kindern, wurde von Mai 2022 bis Dezember 2023 inhaftiert, weil sie angeblich ein Video auf WhatsApp teilte, in dem sie den Lynchmord an Deborah Emmanuel Yakubu verurteilte. Die nigerianische Studentin war im Mai 2022 von einer Gruppe ihrer Kommilitonen ermordet und verbrannt worden, weil sie ihren christlichen Glauben bekundet hatte.
Der Missbrauch der Blasphemie-Gesetze liegt laut ADF International an der besonderen juristischen Situation der Nordstaaten Nigerias. Ende der 1990er-Jahre wurde in den zwölf Nordstaaten Nigerias neben der verfassungsmäßigen Rechtsprechung die Scharia eingeführt. Eigentlich sollten die Scharia-Gerichte nur Muslime betreffen. In der Praxis jedoch haben sie dem Islam einen privilegierten Status verschafft und beeinflussen zunehmend die allgemeine Rechtsprechung.
Scharia-Gerichte verurteilen Menschen mitunter wegen sogenannter Blasphemie, wenn sie den Islam oder einzelne Aspekte der Religion in Frage stellen. Zudem begünstigen die Gesetze brutale Ausschreitungen durch gewalttätige Gruppen und fügen Christen, christlichen Konvertiten und anderen religiösen Minderheiten schweres Leid zu.
Was viele Menschen nicht wissen: Nicht nur Nigeria hat Scharia-Gerichte, sondern auch in europäischen Ländern wie Großbritannien sind diese offiziell anerkannt. Seit 1982 ist ihre Zahl auf 85 angestiegen.
Diese sogenannten Scharia-Gerichte in Großbritannien lassen sich jedoch nicht mit den staatlich verankerten in manchen Regionen Nigerias vergleichen. Dort besitzen sie gesetzliche Autorität und können sogar strafrechtliche Urteile fällen. Die Scharia-Räte in Großbritannien hingegen haben keine staatliche Rechtsmacht: Sie sind religiöse Beratungs- und Schlichtungsstellen innerhalb muslimischer Gemeinden, deren Entscheidungen nur freiwillig befolgt werden und keinen staatlichen Zwangscharakter haben. Dennoch zeigt ihre zunehmende gesellschaftliche Akzeptanz eine problematische Entwicklung.
Durch die Etablierung von Scharia-Gerichten existieren auch in Großbritannien zwei Rechtssysteme parallel. Eines stützt sich auf das englische Recht und gilt für alle Bürger, das andere auf religiöse Interpretationen und betrifft nur eine spezifische Gemeinschaft innerhalb der britischen Gesellschaft.
Erste Auswirkungen davon zeigen sich bereits. So kann das englische Recht bei Polygamie in einer islamischen Ehe nicht mehr konsequent durchgesetzt werden – obwohl Polygamie in Grosßbritannien verboten ist.
Der Blick nach Großbritannien zeigt, wie schnell sich rechtliche Parallelstrukturen etablieren können – ein Risiko, das auch die Schweiz ernst nehmen muss.
Wie sollte Europa auf religiöse Paralleljustiz und Menschenverfolgung reagieren? Diskutieren Sie mit uns unten in den Kommentaren.
© Beitragsbild: Nightcafé (KI)
(Dieser Artikel erschien erstmals auf der Website von Zukunft CH – HOCH2 dankt für die Erlaubnis der Veröffentlichung auf unserer Website. HIER geht es zu Erstveröffentlichung)