
– Ein Kommentar von Paul Siegenthal, lic. oec. HSG
Der Crash kommt. Der Untergang des Westens. Bitcoin ist die Rettung. Kaufen Sie Bitcoins, Gold oder Silber. Nur so überleben Sie die Apokalypse.
Es wimmelt nur so von Finanzdienstleistern in den neuen Medien oder auch sogenannten Alternativmedien. Sie scheinen hier ihr Publikum gefunden zu haben. Mit ihren Anlagetipps überlebt unser aller Hab und Gut den bevorstehenden Crash. Etwa 10 % von ihnen sind Ökonomen, der Rest sind Glücksritter.
Zu Recht sind weite Teile der Bevölkerung um ihr Eigentum besorgt. Die Unsicherheit ist die Stunde der Propheten. In den Mainstream-Medien nennt man sie «Experten», in den alternativen Medien Finanzgurus.
Man ist sich einig: die Rettung kommt mit Kryptos und Edelmetallen. Den passenden Service dazu liefern die Influenzer gleich mit. Ihre Heilslehre verkünden sie auf eigenen YouTube-Kanälen oder schalten Werbung bei bereits etablierten Podcastern. Alternative Medien sind um jeden Batzen froh. Werbung ist hier vergleichbar preiswert.
Die von den Doomsday-Propheten empfohlenen Produkte findet man außerhalb des klassischen Bankensystems. Kryptos und Edelmetalle werden im sogenannten Schattenbankensystem gehandelt. Hier greifen die Regulierungssysteme der Staaten nur teilweise oder gar nicht.
Edelmetalle bieten sich da regelrecht an. Das Wissen um deren Wert ist bereits vorhanden. Alles, was der verängstigte Bürger noch benötigt, ist einen vertrauenswürdigen Agenten. Und da kommen die Doomsday-Propheten gerade recht.
In den USA hat sich mittlerweile dieser Edelmetallmarkt zu einer Scam-Industrie sondergleichen entwickelt. Kleinsparer, die sich meist keine richtige Vermögensberatung leisten können, werden mit horrenden Gebühren oder wertlosen Zertifikaten abgezockt. In Europa ist es noch nicht so schlimm, da das Rentenkapital hier staatlich geregelt ist. Der Bürger hat kaum Zugriff auf sein Alterskapital.
Die Südseeblase unserer Zeit sind die Kryptowährungen. Sie basieren auf dem totalen Nichts, sie sind ein rein spekulatives Objekt aus der digitalen Welt. Auch dieser Markt ist nicht reguliert. Angeblich sei er vollkommen anonym – das nützt dem Anleger weniger, umso mehr den kriminellen Spekulanten. Einklagen kann der Geschädigte hier nichts: Man kann nicht einen Unbekannten haftbar machen, der einem «Nichts» gestohlen hat.
Alternative Medien sind zu Recht die Reaktion auf die Mainstream-Staatstrompeten. Genauso verständlich ist es, dass Schattenbanken außerhalb des überregulierten Bankensystems stark im Kommen sind. Das ist die Folge der staatlichen Regulierungswut.
Nicht alle Krypto-Händler sind Betrüger, sie sind lediglich Ignoranten, die einer Fata Morgana hinterher rennen. Einige sind bewusste Hochstapler und machen vor der Kamera mit flotten Sprüchen «auf dicke Hose» und schminken sich Finanzwissen an.
Der Bürger tut gut daran, den Doomsday-Propheten mit angehängtem Anlageservice nicht allzu stark zu vertrauen. Auch sollte sich jeder einmal fragen, warum dreieinhalb mal mehr Kapital in der Finanzwirtschaft vorhanden ist, als in der Realwirtschaft. Aber das überlasse ich als Denksportaufgabe dem Leser. So oder so gilt: Skepsis bleibt das beste Schutzinstrument. Und manche Fragen sind wichtiger als jede Anlageempfehlung.
👉 Wie beurteilen Sie die aktuellen Finanztrends?
Sind Kryptowährungen und Edelmetalle sinnvolle Absicherung – oder Teil eines überhitzten Marktes, der über Angstszenarien noch weiter angefeuert wird?
Diskutieren Sie mit uns in den Kommentaren.
© Beitragsbild: Nightcafé (KI)
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.
Da bin ich voll und ganz bei Siegenthaler. Was mir zu Ohren gekommen ist über grosskotzende Abzocker welche verschiedenste Grüppchen und Vereine abgeklappert haben und z.T. enorme Investments abgeholt und vernichtet haben ist Haarsträubend. Allerdings herrschte halt auch Naivität Massnahmen-Skeptiker zu sein genügte offenbar vielen für ein blindes Vertrauen.