
– Ein Artikel von Biologe und Lehrer Fabian Ramseyer
An diesem 1. August gab es an den meisten Orten weder Feuerwerk noch Höhenfeuer, wegen allgemeiner Trockenheit und somit Brandgefahr. Für mich hat dies einen stark symbolischen Charakter. Der Brauch des Höhenfeuers wurde zusammen mit dem Nationalfeiertag um 1891, beziehungsweise regelmäßig ab 1899 eingeführt. Dieser Brauch geht auf die Hochwachten zurück. Diese Feuer dienten ursprünglich als Signal- und Warnfeuer vor herannahenden Angreifern in Form von feindlichen Heeren. Solche Warnungen sind längst verstummt, in der modernen Zeit gar als Ammenmärchen oder Verschwörungsmythen belächelt.
Wer heute von Eidgenossenschaft spricht, wird schnell in die rechte Ecke gestellt. Das Verständnis für die Bedeutung des Wortes ist bei den meisten Schweizern in Vergessenheit geraten. Man ist eine Genossenschaft, verbunden durch den Eid, der besagt, sich einander gegen Feinde von außen beizustehen – und dies unter vollkommener Beibehaltung der Eigenständigkeit. Wer also denkt, Eidgenossen seien Nationalisten, stellt Unwissenheit zur Schau. Die Idee der Eidgenossenschaft – und somit Grundstein der Schweiz – ist die Idee der geeinigten Unabhängigkeit, die Freiheit zu handeln und die Konsequenzen für seine Handlungen selbst zu tragen: Souveränität. Und so kommt es nicht von ungefähr, dass die Wahrung der Souveränität oberstes Gebot für unseren Bundesrat ist – oder sagen wir besser: wäre …
Berufen wir uns auf unsere Vergangenheit und die damaligen Werte, merken wir schnell, dass unsere Apathie und Bequemlichkeit den Platz für die Aushöhlung dieser zentralen Werte geschaffen hat. Seit 1291 sind über Jahrhunderte hinweg freie Menschen für die Idee der Eidgenossenschaft gestorben. Sie haben sich geschworen, nicht fremdbestimmt zu sein und die Habsburger und alle anderen selbsternannten Herrscher verjagt. Viel später, nach der schweren Niederlage in der Schlacht bei Marignano (1515), distanzierte sich die Schweiz zunehmend von der Ambition der Eigenexpansion. Ebenso wurde die Schweiz von inneren Unruhen geprägt. Daraus entwickelte sich – neben dem berüchtigten Söldnerwesen – zunehmend die Idee des Friedens, sowohl im Innern als auch über die Landesgrenzen hinaus. So entstand schliesslich das Konzept der Neutralität – nicht nur als Schutz eines kleinen Landes, sondern auch als Grundlage für einen weitreichenden Frieden durch die Rolle der Schweiz als Vermittlerin. Es war die Einsicht, dass nachhaltiger Frieden meist nur mit Hilfe von Unbeteiligten geschaffen werden kann.
Alle diese Werte werden zusehends abgebaut. Man will anscheinend Untertan sein und dafür Verantwortung abgeben. Man will Ideen übernehmen, anstatt eigene zu entwickeln oder bestehende zu wahren. Man will sich keine eigene Meinung bilden, sondern fremde Meinungen übernehmen und andere für ihre Meinung verurteilen. Kurz, wir sind die Antithese von Souveränität und somit der Eidgenossenschaft selbst geworden.
Heute besinne ich mich auf die Werte unserer Vorfahren. Ich schaue mir die Dinge selbst an und tue, was mir richtig erscheint, immer mit der Offenheit, eigene Fehler zu erkennen und zu korrigieren. Man sollte immer nach dem «Was», nie nach dem «Wer» fragen. Denn wenn etwas falsch ist, ist es falsch, egal wer es tut. Und wenn etwas richtig ist, ist es richtig, egal wer es tut.
Vielleicht brennen im nächsten Jahr die Höhenfeuer wieder. Entscheidend ist jedoch, dass zuvor auch das Feuer für die wichtigen Schweizer Werte wie Freiheit, Frieden und Souveränität in unseren Herzen neu entfacht wird und wir danach handeln.
Sind wir noch Eidgenossen – oder haben wir uns längst an Fremdbestimmung und Bequemlichkeit gewöhnt?
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© Beitragsbild: ChatGPT (KI)