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01. September 2026 - Geisterstellen im Scheinarbeitsmarkt: Wie offen sind offene Stellen wirklich?

Geisterstellen im Scheinarbeitsmarkt: Wie offen sind offene Stellen wirklich?

Geisterstellen im Scheinarbeitsmarkt: Wie offen sind offene Stellen wirklich?
Mehr offene Stellen als Arbeitslose, gleichzeitig Fachkräftemangel und die Forderung nach weiterer Zuwanderung: So wird der Schweizer Arbeitsmarkt häufig beschrieben. Paul Siegenthal bezweifelt, daß dieses Bild die Realität vollständig abbildet. Denn manche ausgeschriebene Stelle ist womöglich gar keine Stelle – sondern ein Phantom.

– Ein Kommentar von Paul Siegenthal, lic. oec. HSG

Die Medien berichten regelmäßig, dass es in der Schweiz mehr offene Stellen als Arbeitslose gebe. Ökonomen sprechen in diesem Zusammenhang von Vollbeschäftigung. Gleichzeitig wird vor einem zunehmenden Arbeitskräftemangel gewarnt; ohne Zuwanderung, so heißt es oft, komme die Wirtschaft zum Erliegen.
Nach mehr als 45 Jahren Berufserfahrung habe ich jedoch einen deutlich anderen Eindruck gewonnen: Ein erheblicher Teil der ausgeschriebenen Stellen führt nie zu einer tatsächlichen Anstellung. Viele Inserate sind sogenannte Geisterstellen, die entweder gar nicht konkret existieren oder zum Zeitpunkt der Ausschreibung nicht wirklich besetzt werden sollen. Warum veröffentlichen Unternehmen und öffentliche Institutionen Stelleninserate, obwohl möglicherweise gar keine konkrete Vakanz besteht?

Datenkraken und Spione

Ein Beispiel sind große Stellenplattformen wie LinkedIn. Dort dienen Ausschreibungen überwiegend dazu, Daten zu sammeln. Bei gezielten Kontaktanfragen kann es mitunter sogar um Informationsbeschaffung durch Geheimdienste bis hin zur Wirtschaftsspionage gehen. Für Bewerber ist kaum erkennbar, ob hinter einem Inserat oder einer Anfrage tatsächlich eine unmittelbar zu besetzende Stelle steht.

Inserate auf Vorrat

Es muss keine böse Absicht hinter einem Scheininserat stecken. Eine Stelle wird beispielsweise ausgeschrieben, doch während des Rekrutierungsprozesses entscheidet das Management, die entsprechenden Aufgaben mit den bestehenden personellen Ressourcen abzudecken. In anderen Fällen wird eine Position bereits ausgeschrieben, obwohl das dafür notwendige Budget noch gar nicht definitiv bewilligt ist. Für abgewiesene Bewerber ist das frustrierend, wenn sie mehrere Stunden in eine sorgfältige Bewerbung investiert haben.

Daneben gibt es sogenannte Dauerinserate. Ein Transportunternehmen benötigt regelmäßig Chauffeure und lässt entsprechende Stellenangebote permanent online – selbst dann, wenn gerade kein unmittelbarer Personalbedarf besteht. Ähnliches lässt sich bei Unternehmen mit hoher Personalfluktuation beobachten. Auch Aufschriften auf Firmenfahrzeugen wie «Wir suchen Kolleginnen und Kollegen» bedeuten deshalb nicht zwangsläufig, dass aktuell konkrete Vakanzen vorhanden sind.
Ein weiterer möglicher Grund für Stellenausschreibungen liegt darin, daß Unternehmen dokumentieren möchten, zunächst auf dem heimischen Arbeitsmarkt nach geeigneten Kandidaten gesucht zu haben. Kommt es später zu einer Rekrutierung im Ausland, läßt sich so zumindest formell belegen, daß zuvor im Inland gesucht wurde.

Auch bei Führungspositionen wird teilweise vorausschauend rekrutiert. Verlässt eine Führungskraft das Unternehmen, kann die Suche nach einem passenden Ersatz viele Monate dauern. Manche Unternehmen beginnen deshalb frühzeitig damit, Kontakte zu potenziellen Kandidaten aufzubauen – auch wenn noch keine unmittelbar zu besetzende Position vorhanden ist.

Stelleninserate als Mediensubventionen

Bei Stellen der öffentlichen Verwaltung kommt eine weitere Besonderheit hinzu: Formelle Ausschreibungen können vorgeschrieben sein, obwohl intern möglicherweise bereits ein Favorit feststeht. Damit fließt gleichzeitig öffentliches Geld in Stellenanzeigen. Diese Stelleninserate sind also eine erhebliche Subvention an die gewogenen Medien. Welche Medien und Plattformen – diese sind übrigens auch alle im Besitz der Medienhäuser – davon profitieren, zeigt sich an der Platzierung dieser Inserate. Beim Nebelspalter oder der Weltwoche findet man solche Anzeigen jedenfalls eher selten.

Beschäftigungstherapie für Bewerber

Für Bewerber ist diese Situation alles andere als erfreulich. Sie investieren oft viele Stunden in Lebenslauf, Motivationsschreiben und weitere Unterlagen, erhalten aber nicht selten überhaupt keine Rückmeldung. Manche beginnen irgendwann, die zahlreichen Absagen oder ausbleibenden Antworten persönlich zu nehmen und zweifeln daran, ob sie auf dem Arbeitsmarkt noch gefragt sind.

Immer zuerst anrufen!

Stellensuchende sollten deshalb genauer prüfen, wie glaubwürdig ein Inserat wirkt. Ein erster Hinweis ist das Publikationsdatum. Ist dieselbe Stelle über einen langen Zeitraum immer wieder ausgeschrieben, könnte es sich um ein Dauerinserat handeln.
Auch ein Anruf vor der Bewerbung kann hilfreich sein. Dabei sollte man konkret nach den Aufgaben, dem Team, dem Grund für die Vakanz und dem vorgesehenen Eintrittstermin fragen. Je konkreter und überzeugender die Antworten ausfallen, desto wahrscheinlicher ist es, dass tatsächlich eine Stelle besetzt werden soll.
Entsteht hingegen der Eindruck, dass lediglich ein Kandidatenpool aufgebaut wird, sollte man abwägen, wie viel Zeit man in eine aufwändige Bewerbung investieren möchte.

Volkswirtschaftliche Nebelpetarde

Der schweizerische Stellenmarkt vermittelt nach außen den Eindruck eines großen Angebots. Die Zahl veröffentlichter Inserate und gemeldeter Vakanzen sagt jedoch wenig darüber aus, wie viele Stellen tatsächlich und kurzfristig besetzt werden sollen. Trotz steigender Arbeitslosigkeit verweisen uns die Staatstrompeter auf die vielen offenen Stellen und erklären alles zu einem Allokationsproblem. Umso problematischer ist es, wenn aus der bloßen Zahl der Stelleninserate weitreichende Aussagen über einen angeblich «ausgetrockneten» Arbeitsmarkt abgeleitet werden.

Leerlauf als Leistung

Den Vogel schießen die Arbeitslosenkassen ab. Sie schicken ihre Kunden in Bewerbungskurse. Der Staat hat damit kein Problem. Für ihn ist Leerlauf auch eine Form von Leistung.

 

Haben Sie sich schon einmal auf eine Stelle beworben und später den Eindruck gewonnen, daß die Position gar nicht wirklich besetzt werden sollte? Oder erleben Sie den Schweizer Arbeitsmarkt ganz anders?

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© Beitragsbild: ChatGPT (KI)

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