
– Ein Artikel von Christian Baier, Unternehmer und Inhaber von WeedSeeds4U
Beim Arzt sitzt man gewöhnlich, weil einem etwas fehlt. Man hat Schmerzen, schläft nicht oder macht sich Sorgen. Da möchte man Hilfe. Die Frage, wer dem Arzt zuletzt seine Fortbildung finanziert hat, steht eher selten auf dem Zettel.
Vielleicht gehört sie da aber hin.
Pharmaunternehmen verkaufen Medikamente. Je mehr davon verkauft werden, desto erfreulicher die Zahlen. So weit keine Überraschung. Dass sie auch Veranstaltungen mitfinanzieren dürfen, bei denen Ärzte lernen, wann sie solche Medikamente einsetzen sollen, finde ich allerdings bemerkenswert. Der Verkäufer bezahlt bei der Wissensvermittlung mit. Und wir sollen darauf vertrauen, dass sein Verkaufsinteresse an der Garderobe wartet.
Sehr anständig von ihm.
Auf MedConnect wurde für den 22. September 2026 eine kostenlose Fortbildung angekündigt: «RSV – nicht diagnostiziert – nicht ernst genommen – nicht geimpft!» Bis zu vier DFP-Punkte gab es zu erwerben. Im Programm standen die Krankheitslast und Daten zur RSV-Impfung.
Der Titel hat es mir angetan. Drei Versäumnisse, drei Ausrufezeichen im Kopf – die Richtung steht. Ich hätte bei einer Fortbildung eher eine offene Frage erwartet: Für wen bringt die Impfung wie viel Nutzen, welche Risiken gibt es, und wo fehlen noch Daten? Klingt natürlich weniger flott. Fast langweilig. Dafür wäre die Antwort nicht schon in der Überschrift untergebracht.
Was in den Vorträgen tatsächlich gesagt wurde, habe ich nicht geprüft. Deshalb unterstelle ich den Referenten auch nicht, sie hätten etwas verschwiegen. Mich stört bereits, wie die Veranstaltung angekündigt wurde. Medizinische Fortbildung darf sich doch etwas mehr Zurückhaltung leisten als ein Werbeprospekt.
Nun kommt bei solchen Fragen gerne die Versicherung, Ärzte ließen sich selbstverständlich nicht beeinflussen. Schön wäre es. Nur hat eine systematische Übersichtsarbeit in den Annals of Internal Medicine 36 Studien ausgewertet. In 89 von 101 Einzelanalysen fand sich ein positiver Zusammenhang zwischen Industriezahlungen und Verschreibungsverhalten. Dazu gehörten häufigere Verordnungen von Medikamenten des zahlenden Unternehmens.
89 von 101. Das verdient eine bessere Antwort als «Bei uns passiert so etwas nicht».
Die Untersuchungen waren beobachtend. Sie liefern keinen Beweis dafür, dass ein bestimmter Arzt wegen einer bestimmten Zahlung ein Rezept ausgestellt hat. Wer aus den Zahlen pauschal Bestechung macht, erzählt mehr, als die Daten hergeben. Wer sie einfach ignoriert, macht es sich allerdings ebenfalls bequem.
Ich halte es für unfair, die ganze Verantwortung beim einzelnen Arzt abzuladen. Praxis voll, Telefon klingelt, Papierkram wartet, Fortbildung muss auch noch sein. Eine kostenlose Veranstaltung passt da gut hinein. Soll der Arzt anschließend nachts sämtliche Studien und Geldflüsse überprüfen? Wann denn? Zwischen Steuererklärung und dem nächsten Patienten?
Dafür sind die Stellen zuständig, die solche Fortbildungen anerkennen.
Die österreichischen Regeln für DFP-Fortbildungen verlangen wissenschaftliche Unabhängigkeit und Entscheidungsfreiheit. Kommerzielle Interessen dürfen weder die inhaltliche Gestaltung noch Gewichtung oder Schwerpunktsetzung einer Fortbildung beeinträchtigen. Auf dem Papier klingt das ordentlich. Mich interessiert, wer sich die Veranstaltungen hinterher ansieht. Wer prüft, ob Risiken ausreichend behandelt wurden? Ob Alternativen fair dargestellt wurden? Und wer zieht die Konsequenzen, wenn die schöne Trennung nur auf dem Papier existiert?
«Mit freundlicher Unterstützung» beantwortet das nicht. Freundlich ist die Unterstützung vermutlich schon. Die entscheidende Frage bleibt, weshalb sie gewährt wird.
Ich möchte die Beträge sehen. Ich möchte wissen, wer Thema und Referenten ausgesucht hat und welche finanziellen Verbindungen bestehen. Ein Logo allein reicht mir nicht. Wer auf einer Medikamentenpackung jeden Bestandteil aufführen kann, wird wohl auch die Finanzierung einer Fortbildung verständlich aufschreiben können.
Seit mehr als 15 Jahren beschäftige ich mich auf Teneriffa mit Cannabinoiden und den Fragen von Menschen mit Schmerzen und anderen langjährigen Beschwerden. Ich arbeite mit Ärzten zusammen. Gute Ärzte brauchen wir dringend. Gerade deshalb ärgert mich, dass man ihnen ein solches Finanzierungsmodell zumutet und dann erwartet, sie könnten jeden möglichen Einfluss selbst herausfiltern.
Auch ich verdiene mit Produkten Geld. Das ist kein Geheimnis und verschafft mir keinen Heiligenschein. Wer an einer Empfehlung verdient, muss Fragen dazu beantworten. Ich auch. Ein kleiner Anbieter ist durch seine Größe nicht automatisch ehrlich, und ein Konzern hat durch seine Größe nicht automatisch recht.
Unabhängige Fortbildung kostet Geld. Dann müssen Ärztekammern, Berufsverbände und öffentliche Stellen dafür eine vernünftige Finanzierung auf die Beine stellen. Wenn uns die ärztliche Unabhängigkeit so viel bedeutet, sollte sie auch einen eigenen Etat bekommen.
Bis dahin bleibt mir diese Frage: Warum halten wir es für normal, dass diejenigen bei der Wissensvermittlung mitbezahlen, deren Umsatz später von den Entscheidungen der Teilnehmer abhängt?
Als Patient hätte ich darauf gerne eine Antwort. Möglichst ohne Sponsorenlogo.
Wie sehen Sie das?
Sollten Pharmaunternehmen ärztliche Fortbildungen finanziell unterstützen dürfen – und wenn ja, welche Transparenz und Kontrolle braucht es?
Oder sollte unabhängige Fortbildung grundsätzlich anders finanziert werden?
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