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20. Februar 2026 - Das stille Verschwinden des Christentums im Nahen Osten

Das stille Verschwinden des Christentums im Nahen Osten

Das stille Verschwinden des Christentums im Nahen Osten
Es gibt Orte, an denen das Christentum älter ist als viele europäische Nationen. In Aleppo, Mossul oder der Ninive-Ebene reicht seine Geschichte bis in die ersten Jahrhunderte zurück. Doch ausgerechnet dort, wo der Glaube einst Wurzeln schlug, werden diese Wurzeln heute immer dünner. Nicht durch ein einziges Ereignis, sondern durch einen schleichenden, beinahe lautlosen Exodus.

– Ein Artikel von M. Hikmat von Zukunft CH

«Das Christentum im Nahen Osten verschwindet still und leise», sagt Charles de Meyer, Präsident und Mitbegründer von SOS Chrétiens d’Orient in einem Interview mit der Zeitschrift The European Conservative. Seine Worte klingen nüchtern, fast sachlich. Doch hinter ihnen steht eine historische Verschiebung von dramatischem Ausmass. Seit 2014 hat seine Organisation tausende Freiwillige in Länder wie Syrien, Irak, Libanon und Armenien entsandt. Finanziert ausschliesslich durch private Spenden, arbeiten sie im Wiederaufbau, in Schulen, in der Nothilfe. Sie sind dort präsent, wo internationale Aufmerksamkeit oft fehlt. Was de Meyer beschreibt, ist kein plötzlicher Zusammenbruch, sondern ein langsames Verschwinden.

Eine Stadt leert sich

Vor Beginn des syrischen Bürgerkriegs lebten Christen in einem fragilen, aber dauerhaften Nebeneinander mit anderen Gemeinschaften. Ihr Anteil betrug sieben bis acht Prozent der damaligen 20 Millionen Einwohner. Heute hat sich ihre Zahl «mindestens halbiert», so de Meyer. Besonders drastisch zeigt sich der Wandel in Aleppo. Anfang 2010 lebten dort 150’000 Christen. Heute sind es nur noch etwa 25’000.

Leere Kirchenbänke erzählen von einer demografischen Erosion. Strassenzüge, in denen einst christliche Familien lebten, sind verwaist. Zurück bleiben ältere Menschen – und eine Frage, die in unzähligen Wohnungen leise gestellt wird: Bleiben oder Gehen? «Chaos ermutigt Christen nur zur Auswanderung, zur Flucht aus ihren Heimatländern», sagt de Meyer.

Nach dem IS: Weniger Gewalt, mehr Vergessen

Die Niederlage des sogenannten Islamischen Staates (IS) war für Christen in Mossul oder in der Ninive-Ebene ein «Segen». Doch sie brachte auch eine paradoxe Folge mit sich: ihr Verschwinden aus dem medialen Bewusstsein. «Es scheint, als ob Europa und der Westen erst dann aufmerksam werden, wenn barbarische Gräueltaten breit in den Medien thematisiert werden», erklärt de Meyer. Die Gewalt ist vielerorts subtiler geworden – strukturell, administrativ, gesellschaftlich. Rechte bleiben eingeschränkt, Rückkehr bleibt unsicher, Perspektiven bleiben vage.

Im Irak bestehen weiterhin Spannungen darüber, ob Christen in der Ninive-Ebene ihre Rechte «vollumfänglich wahrnehmen» können. In Syrien warten Christen – wie viele andere – auf die Entscheidungen der Übergangsbehörden.

Frieden, so de Meyer, sei die Grundbedingung für alles: «Frieden ist die Voraussetzung für die Rückkehr zum normalen Leben für christliche Gemeinden.»

Libanon: Zwischen Explosion, Wirtschaftskollaps und Krieg

Die geopolitische Neuordnung der Region trifft Minderheiten besonders hart. Im Südlibanon mussten Christen ihre Heimat verlassen – obwohl die Angriffe eigentlich der Hisbollah galten. Auch christliche Gebiete wurden getroffen. «Ich hoffe, dass sie unsere volle Unterstützung erhalten, damit sie in ihre Häuser zurückkehren und in Würde leben können», sagt de Meyer.

SOS Chrétiens d’Orient blieb auch in Zeiten grösster Erschütterung präsent: während der Wirtschaftskrise, nach der Explosion im Hafen von Beirut, während militärischer Offensiven. «Auch in Syrien investieren wir weiterhin Hunderttausende von Euro», betont er – selbst nach dem Machtwechsel.

Familien am Scheideweg: Die stille Entscheidung

Die geopolitischen Verschiebungen verdichten sich im Alltag zu existenziellen Fragen. «Väter fragen sich, ob sie ihrer Pflicht, ihre Kinder zu beschützen und für sie zu sorgen, gerecht werden können», beschreibt de Meyer. «Mütter fragen sich, ob sie ihre Töchter in Gesellschaften aufwachsen sehen werden, die ihre Identität und Würde achten.» Diese Fragen sind keine abstrakten Überlegungen. Sie entscheiden über Migration oder Verbleib, über das Fortbestehen einer jahrtausendealten Präsenz oder ihr Ende.

De Meyer widerspricht einer rein machtpolitischen Perspektive. «Wo immer im Nahen Osten historische Kontinuität bewahrt wird, geniessen Christen Respekt», sagt er. Seit Jahrhunderten hätten sie unterrichtet, übersetzt, medizinisch versorgt, Brücken gebaut. «Gesellschaften haben oft ein längeres Gedächtnis als internationale Entscheidungsträger.»

Doch es gibt Gegenkräfte. Muslimische Extremisten stellten Christen als Verräter dar oder wollten sie auf einen Status reduzieren, «der dem der Dhimmitude nahekommt». Als Dhimmis bezeichnet man Nicht-Muslime in islamischen Ländern, die «mit eingeschränktem Rechtsstatus geduldet» werden. Gleichzeitig gebe es im Westen Stimmen, die glaubten, die Interessen der Christen besser zu verstehen als diese selbst. «Sie dürfen sich weder von Islamisten, die sie versklaven wollen, noch von Westlern, die glauben, es besser zu wissen, unter Druck setzen lassen.»

Ein globales Muster: Von Mossul bis Nigeria

Für de Meyer ist die Christenverfolgung kein isoliertes Phänomen des Nahen Ostens. «Natürlich sehen wir dschihadistische Ausläufer überall: im Sudan, im östlichen Kongo, in Westafrika und natürlich in Nigeria.» Dschihadistische Gruppen lernten voneinander, übernähmen Argumentationsmuster, religiöse Interpretationen, Feindbilder. «Kurz gesagt: Auch wenn die Ziele variieren, ist die Argumentation bei genauerer Betrachtung oft dieselbe. Und diese Argumentation ist nichts Geringeres als ein Aufruf zum Mord.»

«Mit den Trauernden trauern»

Was also fordert Charles de Meyer konkret von Europa? Seine Antwort beginnt mit einem ernsten Appell: «Zunächst müssen wir mit den Trauernden trauern.» Europa dürfe nicht schweigen angesichts des Leids in Aleppo, Bagdad, Goris oder Tyros.

Darauf folge das Gebet. Für de Meyer ist es «die Mutter des Handelns» und der Ursprung echten Engagements. Zugleich müsse die Lage der Ostchristen dauerhaft auf der internationalen Agenda stehen – nicht nur in Momenten spektakulärer Eskalation.

Am Ende wird seine Botschaft persönlicher, beinahe herausfordernd: «Und wenn wir uns mutig genug fühlen, sollten wir hinausgehen und unsere christlichen Brüder und Schwestern kennenlernen. Zum Beispiel durch ehrenamtliche Mitarbeit bei SOS Chrétiens d’Orient in einer unserer Missionen? Die Entscheidung liegt bei Ihnen!»

Ein leiser Exodus

Das Christentum entstand im Nahen Osten. In Antiochia wurden die Jünger erstmals «Christen» genannt. Von hier aus breitete sich der Glaube aus – über Kontinente hinweg. Heute droht ausgerechnet diese Wiege des Christentums ihre christliche Präsenz zu verlieren. Nicht in einem einzigen dramatischen Augenblick, sondern in einem schleichenden Exodus.

«Alle Situationen führen zu demselben Ergebnis: einem drastischen Rückgang der Christenzahl im Nahen Osten», sagt Charles de Meyer. Still und leise. Aber unumkehrbar – wenn niemand hinsieht.

 

Was bedeutet der Exodus der Christen im Nahen Osten für uns?
Diskutieren Sie mit: Sollte Europa stärker hinschauen – und wenn ja, wie?

 

Passend zum Thema  die Broschüre von Zukunft CH namens «Das Abrogationsprinzip im Islam: Grundlage der Gewalt» jetzt über das Bestellformular (Bestellungen aus dem Ausland nur bei Übernahme des Portos).

Am 20. März 2026, 19.30 Uhr organisiert Zukunft CH im Riedmatt Center Rümlang am Flughafen West den Vortrag «Multikulti oder Multikonflikt? Europa zwischen Willkommenskultur und Dschihad». Als Redner ist der Extremismus- und Integrationsexperte Ahmad Mansour eingeladen. Anmeldung direkt über das Kontaktformular oder telefonisch unter +41 52 268 65 00

Mehr Infos auch hier im Flyer.

 

(Dieser Artikel erschien erstmals auf der Website von Zukunft CH – HOCH2 dankt für die Erlaubnis der Veröffentlichung auf unserer Website. HIER geht es zu Erstveröffentlichung)

 

© Beitragsbild: Nightcafé (KI)

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