
– Ein Artikel von Jurist und Lehrer Ralph Studer von Zukunft CH
Der Entscheid aus Solothurn hat Sprengkraft: Der Solothurner Kantonsrat hat am 5. Mai 2026 beschlossen, dass ab 2027 alle öffentlich-rechtlichen Alters- und Pflegeheime externen Sterbehilfeorganisationen Zugang gewähren müssen. Die Mehrheit war klar, doch die Debatte zeigte, wie tief der Eingriff reicht. Bisher war Sterbehilfe nur in rund der Hälfte der Institutionen möglich. Mit diesem Entscheid wird sie zum festen Bestandteil des Heimalltags.
Die SVP sprach von einer inneren Spaltung und warnte vor einer möglichen «Suizidwelle». Beat Künzli stellte die grundsätzliche Frage, ob man sich damit nicht selbst zum Maßstab über Leben und Tod mache. Auch die Mitte zeigte sich uneinig, die EVP warnte vor Signalen und Türen, die sich mit diesem Schritt öffnen könnten. FDP, SP und Grüne betonten Selbstbestimmung und Würde. Die Grünen forderten sogar, dass auch Spitäler sich künftig mit Sterbehilfe auseinandersetzen müssten.
Gerade weil Solothurn nun eine Duldungspflicht einführt und Heime Sterbehilfeorganisationen künftig Zugang geben müssen, lohnt sich der Blick auf die Datenlage. Wo assistierter Suizid verfügbar wird, steigen die Fallzahlen markant. Darauf macht Susanne Kummer, Ethikerin und Direktorin des Wiener Instituts für Medizinische Anthropologie und Bioethik (IMABE), aufmerksam. In der Schweiz seien die Zahlen zwischen 2010 und 2023 um 385 Prozent (von 356 auf 1729 Fälle) gestiegen, während die Zahl der übrigen Suizide konstant geblieben sei.
Mit insgesamt rund 2700 Suiziden pro Jahr verzeichnet die Schweiz heute doppelt so viele wie Österreich bei einer vergleichbaren Bevölkerungsgröße. Nach Einführung des Sterbeverfügungsgesetzes zeigt Österreich mittlerweile dasselbe Muster.
Viele Ärzte und Pfleger erleben in ihrem Berufsalltag, wie Angst vor Abhängigkeit oder das Gefühl, anderen zur Last zu fallen, Menschen in Isolation und Verzweiflung führt – genau jene Faktoren also, die in Alters- und Pflegeheimen besonders häufig auftreten.
Damit berührt der Solothurner Entscheid einen Punkt, den die Suizidforschung seit Jahren betont: Verfügbarkeit ist ein Risikofaktor. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt vor Normalisierung und vor Darstellungen, die Suizid (auch den assistierten) als «rationale Lösung» erscheinen lassen. Der Werther-Effekt, also die Nachahmung medialer Suiziddarstellungen, ist gut dokumentiert, über 150 wissenschaftliche Untersuchungen belegen ihn. Der aktuelle Leitfaden des Kriseninterventionszentrums Wien weist ausdrücklich darauf hin, dass auch assistierter Suizid Nachahmungseffekte auslösen kann.
Während im Kantonsrat von Selbstbestimmung und Wahlfreiheit gesprochen wurde, zeigen die Daten Entwicklungen, die politisch kaum thematisiert werden. Wird die Option der Sterbehilfe gesellschaftlich verankert, verschiebt sich, was als normal gilt, und der Druck auf Betroffene wächst leise mit.
Kummer betont, dass der assistierte Suizid andere Formen der Selbsttötung nicht ersetzt, sondern sich zu ihnen addiert. Die Normalisierung als vermeintlich «rationale Lösung» für schwierige Lebenssituationen verstärke diesen Mechanismus zusätzlich. Die Kritik trifft damit genau jene Bereiche, die Solothurn nun strukturell öffnet: Hochaltrige, Einsame, Menschen in Phasen der Verletzlichkeit. Statt bestehende Hürden zu erhalten, werden sie gesenkt. Die Verfügbarkeit tödlicher Mittel widerspricht den Grundprinzipien der Prävention.
Vor diesem Hintergrund warnt Kummer: «Statt helfende Beziehungen zu stärken, die lebensbejahende Alternativen aufzeigen, wird die Selbsttötung als individualisierter Ausweg aus schwierigen Situationen als gesellschaftlich akzeptable Option etabliert.» Und sie fügt hinzu: «Ein entspanntes Verhältnis zum Tod ist nicht dasselbe wie ein entspanntes Verhältnis zum Töten.»
Während die Politik von Selbstbestimmung spricht, zeigen die Daten, dass sich die gesellschaftliche Erwartungshaltung subtil, aber tiefgreifend verändert. Am Ende bleibt die Frage, ob dieser Solothurner Entscheid wirklich mehr Freiheit schafft oder ob er eine Entwicklung verstärkt, deren Konsequenzen erst sichtbar werden, wenn es längst zu spät ist.
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© Beitragsbild: ChatGPT (KI)
(Dieser Artikel erschien erstmals auf der Website von Zukunft CH – HOCH2 dankt für die Erlaubnis der Veröffentlichung auf unserer Website. HIER geht es zu Erstveröffentlichung)