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13. Mai 2026 - Sterbehilfe im Heim – Selbstbestimmung oder Normalisierung? 4

Sterbehilfe im Heim – Selbstbestimmung oder Normalisierung?

Sterbehilfe im Heim – Selbstbestimmung oder Normalisierung?
Der Solothurner Entscheid, assistierten Suizid in allen Alters- und Pflegeheimen zuzulassen, wird als Fortschritt in Sachen Selbstbestimmung präsentiert. Doch die Erfahrungen aus der Schweiz und dem Ausland zeigen ein anderes Bild: Wo die Option verfügbar wird, steigen die Suizidzahlen, und zwar deutlich. Genau jene Entwicklungen, vor denen selbst einzelne Kantonsräte warnten, stehen nun unausgesprochen im Raum.

– Ein Artikel von Jurist und Lehrer Ralph Studer von Zukunft CH

 

Der Entscheid aus Solothurn hat Sprengkraft: Der Solothurner Kantonsrat hat am 5. Mai 2026 beschlossen, dass ab 2027 alle öffentlich-rechtlichen Alters- und Pflegeheime externen Sterbehilfeorganisationen Zugang gewähren müssen. Die Mehrheit war klar, doch die Debatte zeigte, wie tief der Eingriff reicht. Bisher war Sterbehilfe nur in rund der Hälfte der Institutionen möglich. Mit diesem Entscheid wird sie zum festen Bestandteil des Heimalltags.

Die SVP sprach von einer inneren Spaltung und warnte vor einer möglichen «Suizidwelle». Beat Künzli stellte die grundsätzliche Frage, ob man sich damit nicht selbst zum Maßstab über Leben und Tod mache. Auch die Mitte zeigte sich uneinig, die EVP warnte vor Signalen und Türen, die sich mit diesem Schritt öffnen könnten. FDP, SP und Grüne betonten Selbstbestimmung und Würde. Die Grünen forderten sogar, dass auch Spitäler sich künftig mit Sterbehilfe auseinandersetzen müssten.

Was der Entscheid ausblendet

Gerade weil Solothurn nun eine Duldungspflicht einführt und Heime Sterbehilfeorganisationen künftig Zugang geben müssen, lohnt sich der Blick auf die Datenlage. Wo assistierter Suizid verfügbar wird, steigen die Fallzahlen markant. Darauf macht Susanne Kummer, Ethikerin und Direktorin des Wiener Instituts für Medizinische Anthropologie und Bioethik (IMABE), aufmerksam. In der Schweiz seien die Zahlen zwischen 2010 und 2023 um 385 Prozent (von 356 auf 1729 Fälle) gestiegen, während die Zahl der übrigen Suizide konstant geblieben sei.

Mit insgesamt rund 2700 Suiziden pro Jahr verzeichnet die Schweiz heute doppelt so viele wie Österreich bei einer vergleichbaren Bevölkerungsgröße. Nach Einführung des Sterbeverfügungsgesetzes zeigt Österreich mittlerweile dasselbe Muster.

Viele Ärzte und Pfleger erleben in ihrem Berufsalltag, wie Angst vor Abhängigkeit oder das Gefühl, anderen zur Last zu fallen, Menschen in Isolation und Verzweiflung führt – genau jene Faktoren also, die in Alters- und Pflegeheimen besonders häufig auftreten.

Verfügbarkeit als Risikofaktor

Damit berührt der Solothurner Entscheid einen Punkt, den die Suizidforschung seit Jahren betont: Verfügbarkeit ist ein Risikofaktor. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt vor Normalisierung und vor Darstellungen, die Suizid (auch den assistierten) als «rationale Lösung» erscheinen lassen. Der Werther-Effekt, also die Nachahmung medialer Suiziddarstellungen, ist gut dokumentiert, über 150 wissenschaftliche Untersuchungen belegen ihn. Der aktuelle Leitfaden des Kriseninterventionszentrums Wien weist ausdrücklich darauf hin, dass auch assistierter Suizid Nachahmungseffekte auslösen kann.

Während im Kantonsrat von Selbstbestimmung und Wahlfreiheit gesprochen wurde, zeigen die Daten Entwicklungen, die politisch kaum thematisiert werden. Wird die Option der Sterbehilfe gesellschaftlich verankert, verschiebt sich, was als normal gilt, und der Druck auf Betroffene wächst leise mit.

Kritische Stimmen aus der Forschung

Kummer betont, dass der assistierte Suizid andere Formen der Selbsttötung nicht ersetzt, sondern sich zu ihnen addiert. Die Normalisierung als vermeintlich «rationale Lösung» für schwierige Lebenssituationen verstärke diesen Mechanismus zusätzlich. Die Kritik trifft damit genau jene Bereiche, die Solothurn nun strukturell öffnet: Hochaltrige, Einsame, Menschen in Phasen der Verletzlichkeit. Statt bestehende Hürden zu erhalten, werden sie gesenkt. Die Verfügbarkeit tödlicher Mittel widerspricht den Grundprinzipien der Prävention.

Eine gesellschaftliche Verschiebung

Vor diesem Hintergrund warnt Kummer: «Statt helfende Beziehungen zu stärken, die lebensbejahende Alternativen aufzeigen, wird die Selbsttötung als individualisierter Ausweg aus schwierigen Situationen als gesellschaftlich akzeptable Option etabliert.» Und sie fügt hinzu: «Ein entspanntes Verhältnis zum Tod ist nicht dasselbe wie ein entspanntes Verhältnis zum Töten.»

Während die Politik von Selbstbestimmung spricht, zeigen die Daten, dass sich die gesellschaftliche Erwartungshaltung subtil, aber tiefgreifend verändert. Am Ende bleibt die Frage, ob dieser Solothurner Entscheid wirklich mehr Freiheit schafft oder ob er eine Entwicklung verstärkt, deren Konsequenzen erst sichtbar werden, wenn es längst zu spät ist.

 

Ergänzung und Anmerkungen des Autors Ralph Studers als Replik auf die Kommentare (19.5.2026)

Wenn Unterstützung fehlt, wächst die Versuchung des Todes

Immer deutlicher zeigt sich, wo das Problem liegt. Der Druck auf Betroffene steigt, die Isolation nimmt zu und verlässliche Unterstützung bleibt aus. Gleichzeitig brechen soziale Kontakte weg, gerade dort, wo Menschen sie am dringendsten bräuchten. Diese Entwicklungen verdichten sich zusehends und werfen die Frage auf, wie wir als Gesellschaft mit Menschen umgehen, die in schwierigen Lebenssituationen stehen.

Den Betroffenen in ihrer Not den Tod anzubieten, während man ihnen zugleich andere Formen der Unterstützung verweigert, ist ein Armutszeugnis unserer Gesellschaft. Es bestätigt genau das, was Kritiker seit Jahren sagen: Wir bewegen uns schrittweise in eine Kultur des Todes. Der Anfang und das Ende des Lebens geraten immer stärker unter Druck. Das zeigt sich beim Umgang mit dem ungeborenem Leben und nun am Ende des Lebens. Die Frage, die sich stellt, ist daher nicht nur eine politische oder ethische, sondern eine grundlegende: Welche Art von Gesellschaft wollen wir sein?

Wenn wir diese Entwicklungen ernst nehmen, reicht es nicht, Missstände zu benennen. Eine verantwortliche Gesellschaft zeigt sich nicht daran, wie leicht sie Leben beendet, sondern wie entschlossen sie es schützt. Die eigentliche Aufgabe besteht deshalb darin, Menschen zu stärken, bevor sie zerbrechen. Alles andere wäre ein weiterer Schritt in jene Kultur des Todes, die wir nicht einfach hinnehmen dürfen.

 

Wie beurteilen Sie den Entscheid aus Solothurn?
Ist das ein Fortschritt der Freiheit – oder eine gefährliche Entwicklung?
📣 Schreiben Sie uns Ihre Meinung in die Kommentare!

 

© Beitragsbild: ChatGPT (KI)

 

(Dieser Artikel erschien erstmals auf der Website von Zukunft CH – HOCH2 dankt für die Erlaubnis der Veröffentlichung auf unserer Website. HIER geht es zu Erstveröffentlichung)

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4 Kommentare zu “Sterbehilfe im Heim – Selbstbestimmung oder Normalisierung?”

  • andy sagt:

    Ein Argument der befürworter könnte sein das die steigenden Zahlen die notwendigkeit der Sterbehilfe bestätigen. Nomaden lassen schwache Alte Angehörige die die weiterreise wahrscheinlich nicht schaffen mit Proviant zurück. Entweder sie überstehen den Winter oder sie sterben. Je nach Kultur ist Sterbehilfe nichts neues und ich persöhnlich würde eher aktiv gehen als Jahrelang mit Brei gefüttert zu werden den ich nicht essen will es aber nicht mehr sagen kann

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    • fs2024 sagt:

      Der Anstieg der Toten ist wohl klar . Der ist auf das frühere Verbot der Sterbehilfe zurück zu führen .
      Menschen die lieber sterben wollten , mussten oft mit langjährigem Leiden , gegen ihren Willen ,
      weiterleben und das Leid ertragen . Schmerzen und Hoffnugslosigkeit .

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  • fs2024 sagt:

    ÜBRIGENS , viele Politiker , die gegen Sterbehilfe sind , kennen aber keinen Skrupel wenn sie junge
    Männer in den Krieg schicken ! Siehe in der Ukraine . Aber das ist natürlich ganz was anderes , glauben sie .

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  • fs2024 sagt:

    Herr Künzli
    Jeder Mensch bestimmt selber wenn er seinem Leben ein Ende setzt .Weder die Damen und Herren in Weiss , noch irgendein Politiker ,
    die glauben sie müssten einem alten Menschen vorschreiben , wann er die Leiden nicht mehr ertragen soll , hat das Recht , über
    das Leben anderer zu bestimmen !
    Sie behaupten sogar , das wäre ein Geschäft der Sterbehelfer . Ich schrieb mal einem Professor : Den Beitrag , den ich bei Exit in
    10 Jahren bezahle , reicht im Hospitz nicht mal für einen Tag

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