Der Wahrheit verpflichtet
03. Mai 2024 - Filmemacher Luka Popadić: «Durch das Prisma der Armee hinterfrage ich als Erzähler, was es bedeutet, ein echter Schweizer zu sein»

Filmemacher Luka Popadić: «Durch das Prisma der Armee hinterfrage ich als Erzähler, was es bedeutet, ein echter Schweizer zu sein»

Filmemacher Luka Popadić: «Durch das Prisma der Armee hinterfrage ich als Erzähler, was es bedeutet, ein echter Schweizer zu sein»
Im Interview mit Dr. Philipp Gut spricht der serbischstämmige Filmemacher Luka Popadić darüber, warum für ihn als Secondo die Neutralität der Schweiz so wichtig ist, warum sich Vorurteile in der Armee besonders schnell auflösen und weshalb er stolz daruf ist, Schweizer Offizier zu sein.

Dies ist eine stark gekürzte Version des Interviews mit Luka Popadić. Sie wurde als Spende für HOCH2 von D. G. erstellt.  Das gesamte Interview in Videoform können Sie hier anschauen.

 

Philipp Gut

Heute begrüße ich bei mir im Studio Luca Popadić. Herzlich willkommen. Sie sind Filmemacher. Sie haben einen Kinofilm gedreht, der in den nächsten Tagen aktuell in die Schweizer Kinos kommt, mit dem Titel «Echte Schweizer». Worum geht es darin?

Luka Popadić

Es geht um die Schweizer Armee. Konkret geht es um drei Secondos, die weitergemacht haben und Offiziere sind. Durch das Prisma der Armee hinterfrage ich als Erzähler, was es bedeutet, ein echter Schweizer zu sein.

Philipp Gut

Neben ihnen kommen noch drei andere Protagonisten vor, die Karriere in der Schweizer Armee gemacht haben. Alle haben sie einen Migrationshintergrund: der eine hat Wurzeln in Tunesien, ein anderer ist Serbe aus einer Enklave im Kosovo, und der dritte ist ein Tamile. Waren diese Männer Kollegen von Ihnen oder haben Sie ein Casting gemacht?

Luka Popadić

Ich habe ein Casting gemacht, aber die Protagonisten sind eine Mischung aus persönlichen Bekannten und anderen. Ich habe viele Bataillone im Militär besucht, um Protagonisten zu finden, und einer der Protagonisten war tatsächlich mein Unterstellter in einer Kompanie, in der ich gedient habe. Es war mir wichtig, eine spannende Mischung von Männern zu haben, die aus verschiedenen Gründen in der Schweiz aufgewachsen sind, die alle verschiedene Backgrounds, verschiedene Ansichten und Meinungen haben.

Philipp Gut

Was bedeutet für Sie persönlich, Offizier in der Schweizer Armee zu sein?

Luka Popadić

Ich komme aus einer Familie, die eine Offiziers-Tradition hat. Mein Großvater, mein Urgroßvater und viele meiner Großonkel haben im zweiten Weltkrieg gegen die Nazis gekämpft. Als Hitlerdeutschland das Königreich Jugoslawien angegriffen hat, waren sie Offiziere und haben gegen die Wehrmacht gekämpft, einige sind auch in Kriegsgefangenschaft geraten, andere sind verstorben. Mit diesem Erfahrungshintergrund haben viele meiner Verwandten in Serbien gesagt: du lebst in der Schweiz, die Schweiz ist deine Heimat, es ist richtig, Militärdienst zu leisten. Es ist interessant zu sehen, dass meine Familie in Serbien sehr stolz ist, dass ich Offizier geworden bin. Ich bin auch stolz, Offizier zu sein. Es hilft mir dann, wenn irgendjemand eine rassistische Bemerkung macht oder mich mit Abschätzung anschaut. Dann sage ich, dass ich kein kleiner Jugo sei. Ich bin Hauptmann in der Schweizer Armee, und kein Bürger zweiter Klasse. Deswegen habe ich auch mit dem Wort «Secondo» ein wenig Mühe, weil diese Abwertung immer ein wenig mitschwingt.

Philipp

Welche Erfahrung haben Sie persönlich als «Secondo» gemacht? Gab es Momente, in denen Sie gemerkt haben, ich bin doch anders, ich werde anders behandelt?

Luka Popadić

In der Armee gab es sie weniger von den höheren Vorgesetzten, als wenn man zum Beispiel in den Offiziers-Lehrgang kommt. Da ist ein komischer Name, der irgendwie nicht ins Raster passt. Aber lustigerweise lösen sich nach ein,zwei Tagen diese Vorurteile blitzschnell auf, weil ja alle im gleichen «Scheiß» sitzen. Ich merke allerdings, dass es immer noch gewisse Vorurteile gibt, die manchmal so mitschwingen. Wenn ich zum Beispiel meinen Namen am Telefon nenne, merke ich, wie sich die Stimmlage des Anrufers ändert. Ich glaube jedoch, dass sich die Schweiz langsam wandelt, auch die politische Atmosphäre was «Secondos» angeht. Es wird immer mehr zur Normalität.

Philipp Gut

Sie haben es bei der Auswahl der anderen Protagonisten angesprochen. Da ging es auch um Vielfalt, dass sie verschieden sind. Wenn wir jetzt diese drei anderen Hauptfiguren noch ein bisschen genauer in den Blick nehmen, welche Unterschiede sehen Sie da? Wie haben Sie sie wahrgenommen?

Luka Popadić

Diese religiöse Prägung, jetzt konkret beim tunesischstämmigen Hauptmann, soweit ich das in persönlichen Gesprächen mit ihm gefühlt habe, sogibt ihm die Religion Halt und Kraft sich auf seine Aufgabe zu fokussieren. Er sieht es als seine religiöse Pflicht sein Umfeld zu beschützen, also die Schweiz zu beschützen. Da ist er sehr konsequent und das ist bei ihm nicht verhandelbar. Er ist sehr patriotisch. Dadurch dass ich als Gast in den Familien sein durfte, habe ich auch gewisse Vorurteile abgebaut und Neues über unsere Mitbürger gelernt. Dies bestärkt mich in meiner Meinung, dass Pluralität etwas sehr Gewinnbringendes sein kann, solange alle gemeinsam an einem Strang ziehen, und das ist etwas sehr Wichtiges.

Philipp Gut

Sie scheuen sich im Film nicht, auch schwierige Fragen aufzugreifen. Beispielsweise die Frage, ob Sie für das Vaterland sterben würden. Auch die Frage nach der Loyalität kommt im Film explizit vor. Was wäre denn zum Beispiel, wenn Sie sich als ursprünglicher Serbe plötzlich im Krieg «Schweiz gegen Serbien» befänden? Was würden Sie machen?

Luka Popadić

Da kann ich nur beten, dass es dazu nie kommt, das ist auch einer der Gründe, warum die Neutralität der Schweiz so etwas Wichtiges ist. Für mich ist es eine Frage der Würde. Ich würde enorm hadern, mir den Kopf zerbrechen. Es wäre für mich eine persönliche Katastrophe.

Philipp Gut

Ihr Film wurde an den Solothurner Filmtagen gezeigt und hat den Publikumspreis gewonnen. Also nicht den Preis der Jury, der Jury der professionellen Kritiker, sondern einfach der des Publikums, der eines durchschnittlichen Bürgers vielleicht, der sich so einen Film anschaut. Was bedeutet Ihnen diese Unterstützung der Masse, wenn ich das so sagen darf?

 Luka Popadić

Es bedeutet mir extrem viel. In Filmemacherkreisen gilt der Publikumspreis als schönster Preis. Ich meine, ich bin ein Jugo, der aus irgendeinem Hochhaus im Raum Baden kommt, meine Mutter war alleinerziehend und jetzt stehe ich auf der Bühne in Solothurn und der Chef der Armee ist auch anwesend. Das ist ein wunderschönes Gefühl.

Das gesamte, ungekürzte Interview können Sie hier im Originalvideo sehen.

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