Der Wahrheit verpflichtet
03. Juli 2025 - Paul Siegenthal 2

Alternative Medien als eigene Blase

Paul Siegenthal
Alternative Medien haben in den letzten Jahren einen regelrechten Boom erlebt und präsentieren sich oft im beliebten «Talking-Head»-Format. Während einige Akteure wie Roger Köppel oder Max Otte als Experten auftreten, kritisiert der Autor die häufige Wiederholung von Mainstream-Inhalten und die Vermischung von Unterhaltung mit vermeintlicher Berichterstattung. Von Clickbaitern bis zu Finanzprodukt-Verkäufern – der Artikel beleuchtet die verschiedenen Archetypen dieser neuen Medienlandschaft und wirft einen skeptischen Blick auf deren Einfluss und Qualität. Was steckt wirklich hinter diesen Kanälen? – Ein Kommentar von Paul Siegenthal, lic. oec. HSG

Alternative Medien schießen seit Jahren wie Pilze aus dem Boden. Viele buhlen mit einem Youtube-Kanal, manchmal mit einer eigenen Webseite, um Aufmerksamkeit. Die meisten kommen im «Talking-Head»-Format daher. Investigativer Journalismus, wie etwa der Kanal von «O'Keefe», findet man in Europa kaum. Fast immer handelt es sich um die Kommentierung, sprich das Wiederkäuen von News aus dem Mainstream.

Ich habe meine Eindrücke zusammengefasst und kategorisiert. Dass die Liste nicht vollständig ist, ist mir bewusst. Meine Kritik, wenn sie denn also solche verstanden wird, erfolgt aus der bequemen Perspektive des Zuschauers.

1. Experte für alles

Ein solcher Archetyp ist Roger Köppel. Er kommentiert nicht nur die Schweizer Politik, sondern auch gleich alle Ereignisse der Welt. Man muss ihm, als ehemaligem Nationalrat, Historiker und langjährigem Journalisten, durchaus Kompetenz in schweizerischen Themen zugestehen. Seine Exkurse in Wirtschaftsthemen und seine oft ellenlangen moralisch-religiösen Predigten im ersten Drittel seiner Beiträge sind eher Zeitfresser als Mehrwert.

2. Prophet, Warner und Untergangsexperte

Die verbreitetste Kategorie sind Propheten, auch wenn man ihre Namen vergeblich in den heiligen Schriften sucht. Oft sind es Ökonomen. Diese (auch meine) Zunft hat die unangenehme Eigenheit, Modelle zu extrapolieren und damit die Zukunft vorhersagen zu wollen. Die Geschichte lehrt uns, dass Entwicklungen und insbesondere die Wendepunkte nicht die Folge wirtschaftlicher Entwicklungen sind, sondern umgekehrt. Ich denke dabei an die Propheten Max Otte und Markus Krall, beides hervorragende Ökonomen, aber historisch etwas leichtfüßig unterwegs. Dennoch höre ich mir ihre Meinungen gerne an.

3. Finanzprodukt-Verkäufer

Die alternativen Medien sprechen Menschen an, die sich Sorgen machen. Das scheint auch einigen Finanzakrobaten nicht entgangen zu sein. Sie nutzen ihren alternativen Kanal, um ihre Produkte zu verkaufen.
Ein solcher Kanal ist Hoss&Hopf, zwei durchaus fähige Finanzler.

4. Unterhalter statt Berichterstatter

«Bleiben sie dran, wir zeigen es ihnen», sie sind auf Nius gelandet. Vor ihnen liegen nun 10 Minuten längst bekannter Meldungen. Schließlich wird ihnen noch ein Skandal präsentiert, den sie ohne die Erläuterung durch Julian Reichelt nicht als solchen erkannt hätten.

5. Echauffierer und Pöbler

Ihr Beitrag ist meist psychologischer Natur. Sie liefern Null-News dafür meist minutenlange Schimpftiranden. Wenn man sich auch selbst über das Thema aufgeregt, hat es zumindest einen beruhigenden Effekt, man fühlt sich nicht allein. Die Schweiz kennt den Daniel Stricker, ein Rundumtalent, der sich als Sänger, Echauffierter, Pöbler, Mini-Joe-Rogan, Unterhaltungsunternehmer und Vor-Ort-Berichterstatter profiliert. Man muss dieser Rampensau ein außerordentliches und vielseitiges Talent zugestehen, allerdings lediglich in der Sparte Entertainment.

6. Clickbaiter

Clickbaiter versuchen mit einer reißerischen Überschrift Klicks (und damit Einkommen) zu generieren. Sie sind eine wahre Pest.

Der Meister des Clickbaiting ist Kolja Barghoorn (Aktien mit Kopf), der sich mehrmals am Tag mit 20-minütigen Videos meldet, die mit den Schlagworten «Sensation», «Schock», «Politbombe», u. ä. beginnen. Dahinter stecken meist unbedeutende Petitessen.

Ähnliche Tricks beginnen mit «Du wirst es nicht glauben ...», oder «Da staunen selbst die Ärzte ...». Dann ist da noch der Versager: «Ich habe total versagt, ich bin am Ende ...».

Aus meiner Sicht wäre es ein guter Anfang, wenn sie sich tatsächlich aus dem Staub machen würden. Man kann aber sicher sein, dass nächste Woche die noch größere Katastrophe ansteht. Menschen interessieren sich nun mal für das Elend der anderen und das wissen die Blogger auch. Ein solcher Dauerversager ist Proofwood, der angeblich an Leib und Leben bedroht scheint von seiner Elektrikerzunft. Es würde mich nicht wundern, wenn die ihn gar nicht kennen.

7. Die Talkmasters

Viele Kanäle bieten Talkshows mit «interessanten Gästen». Alternative Medien haben Schwierigkeiten, solche zu bekommen und nicht selten bekommt man einen Pöbler oder Moralisten ohne viel Substanz vorgesetzt. Es gibt aber auch das Gegenteil. Ein Meister seines Faches ist Schuler. Auch Roman Zeller von der Weltwoche macht es sehr gut. Regina Castelberg von HOCH2.TV beherrscht dieses Metier als eine der wenigen in der Schweiz ausgezeichnet (Meinung des Autors).

8. «Scheissen wirklich alle Bären in den Wald?»-Blogger

Angeblich sollen rhetorische Fragen Interesse wecken. Ich habe aber das Gefühl, der Autor will sein Halbwissen zum Besten geben. Muss ich nicht haben.

9. «Was Sie jetzt wissen müssen»-Blogger

Die arroganteste Bloggerkaste sind jene, die glauben zu wissen, was der Zuschauer zu wissen hat. Vor allem linke Journis bilden sich seherische Kompetenzen ein. Ist der Schreiberling selbst für diese Branche zu doof, landet er bei einem Konsumentenportal. Die Arroganz legt er jedoch nicht ab.

10. Die Grimassenschneider

Eine ulkige Kategorie sind die Grimassenschneider. Sie schlagen auf dem Thumbnail die Hände über dem Kopf zusammen, machen große Augen und halten die Hände an die Backen. Mir macht es den Eindruck, als hätte man sie durch die Gitterstäbe einer Nervenheilanstalt fotografiert.

11. Unpolitische neue Medien

Natürlich gibt es auch alternative Medien außerhalb des politischen Spektrums, die sich gegen einen Mainstream positionieren. Man findet Historiker mit abweichenden Meinungen, kritische Miltärexperten, Privacy Experten, Dating Coaches, Gesundheitsapologeten, Linux-Fan-Boys, Raumfahrt-Kritiker, Self-Repair-Aktivisten, usw. Sie sind eine willkommene Abwechslung.

Der Shake-out

Die neuen Medien buhlen mit zunehmendem Erfolg um die Aufmerksamkeit der Zuschauer. Das Angebot wächst schneller als der Marktanteil, was zwingend einen Shake-Out zur Folge haben wird. Die Formel ist einfach: Information/Zeit. Wer in der beanspruchten Zeit den besten Mehrwert liefert, überlebt. Propheten, Echauffierer, Clickbaiter und Leichtwassermatrosen werden verschwinden. Sie liefern vor allem Klamauk.

 

Lieber Leser, liebe Leserin, haben Sie hier auch die Meinung wie unser Kommentator, dass alternative Medien nicht gleich alternative Medien sind? Was sagt Ihnen besonders zu in dieser Medienszene, was eher weniger? Lassen Sie es uns in den Kommentaren wissen!

 

© Bild: Paul Siegenthal (KI)

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2 Kommentare zu “Alternative Medien als eigene Blase”

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