
Am Abstimmungssonntag vom 8. März 2026 kam es in der bernischen Gemeinde Kirchberg zu einer bemerkenswerten Panne: Mehrere Stimmbürger standen vor dem bereits geschlossenen Wahllokal – obwohl es gemäß Angaben auf den Abstimmungscouverts noch hätte geöffnet sein sollen. Auf den versandten Unterlagen stand klar, dass die persönliche Stimmabgabe im Stimmlokal von 10 bis 12 Uhr möglich sei.

Weshalb standen auf dem Couvert noch die alten Öffnungszeiten?
Tatsächlich wurde das Lokal jedoch bereits um 11 Uhr geschlossen. Mehrere Bürger, die sich an die Angaben auf dem Couvert hielten, konnten ihre Stimme nicht mehr abgeben.

Die Information an der Tür des Wahllokals war zwar korrekt – doch die Art und Weise der Kommunikation ist fraglich
Über den Vorfall berichteten auch andere Medien, darunter die Berner Zeitung und 20 Minuten.
Eine Kontaktperson unserer Redaktion wurde von mehreren Betroffenen telefonisch informiert und begab sich kurz vor Mittag selbst zum Schulhaus, in dem sich das Stimmlokal befindet. Als sie gegen 11.45 Uhr eintraf, war der Zugang bereits geschlossen. Ein Zettel an der Eingangstür wies auf die geänderten Öffnungszeiten hin. Vor dem Gebäude standen Fahrräder von Mitgliedern des Wahlausschusses, aus dem Innern waren Stimmen zu hören – offenbar wurde bereits ausgezählt. Mehrere Stimmbürger kehrten unverrichteter Dinge wieder um. Eine Frau klemmte ihr Abstimmungscouvert frustriert auf den Gepäckträger ihres Fahrrads und fuhr wieder nach Hause. Beobachter vor Ort fanden den Wahlausschuss kurz nach 11 Uhr auf der Terrasse des Lehrerzimmers beim Kaffetrinken an der Sonne vor. Der Ausschuss hatte demnach gesehen, wie Bürger vergeblich versuchten ins Stimmlokal zu gelangen. Trotz der falschen Angaben auf den Abstimmungscouverts, bestand offenbar kein Interesse daran, den Bürgern ihr Stimmrecht zu gewähren. Gemäß einer empörten Kirchbergerin ein Unding: Durch die Panne mit den falschen Angaben, wäre der Ausschuss ihrer Meinung nach verpflichtet gewesen, das Lokal eine Stunde länger offenzuhalten.
Die Beobachterin blieb noch länger vor Ort. Erst gegen 12.30 Uhr kamen Mitglieder des Wahlausschusses aus dem Gebäude, öffneten die Tür und entfernten den Zettel. Auf Nachfrage hin wurde bestätigt, dass falsche Couverts mit veralteten Öffnungszeiten verschickt worden seien.
Besonders irritierend empfanden Betroffene die Reaktion einzelner Beteiligter. Während ein Mitglied des Ausschusses erklärte, dass falsche Couverts versendet worden seien, soll eine andere Person sinngemäss gesagt haben:
«Tue itz nid eso, wäg eire Stund!» Also: «Tu' jetzt nicht so – wegen einer Stunde». Für viele Betroffene wirkt diese Reaktion herablassend und hochmütig. Sie erwarten, dass ihre demokratischen Rechte ernst genommen werden.
Die Öffnungszeiten des Stimmlokals waren laut Angaben bereits seit Januar auf der Website der Gemeinde angepasst worden. Am Sonntag wurde die Öffnungszeit um eine Stunde verkürzt. Auf den versandten Abstimmungscouverts standen jedoch weiterhin die alten Zeiten. Für viele Stimmberechtigte ist das Couvert jedoch die massgebliche Informationsquelle – und nicht die Website der Gemeinde.
Die Abstimmungsunterlagen werden häufig von spezialisierten Werkstätten verpackt, teilweise auch von Einrichtungen für Menschen mit Behinderung. Diese übernehmen jedoch nur das Verpacken der angelieferten Materialien. Die Kontrolle, ob die richtigen Unterlagen verwendet werden, liegt letztlich bei der jeweiligen Gemeinde.
Nach Hinweisen von Betroffenen soll ein vergleichbares Problem auch in der Großgemeinde Fraubrunnen aufgetreten sein. Dort enthielten die Stimmausweise offenbar die korrekten Zeiten, während auf den Couverts falsche Angaben standen. Nach bisherigen Informationen wurde das Stimmlokal dort immerhin bis 11.30 Uhr offen gehalten, um Bürgern noch die Stimmabgabe zu ermöglichen. Allgemein wurde dieses Abstimmungswochenende von Pannen überschattet: So kämpfte der Kanton Basel-Stadt mit den elektronischen Stimmabgaben. Betroffen sind dort über 10'000 Auslandschweizerinnen und -schweizer, wie berichtet wird. Hinzu kämen zusätzlich noch 30 Stimmberechtigte, die aufgrund einer Behinderung zur elektronischen Stimmabgabe berechtigt seien. Das Problem liege bei der Verwendung der USB-Sticks, die notwendig sind, um die Urne zu entschlüsseln.
Der Vorfall in Kirchberg sorgt nun ebenso für Diskussionen. Bereits in früheren Jahren soll es in in der bernischen Gemeinde Probleme mit Abstimmungsunterlagen gegeben haben, etwa doppelte oder fehlende Zustellungen. Betroffene fordern nun eine transparente Aufklärung des Vorfalls. Einige verlangen sogar eine Wiederholung der Abstimmung, da Bürger aufgrund falscher Informationen ihr Stimmrecht nicht ausüben konnten.
Nachtrag:
Im Verlaufe des Tages (Montag, 9. März 2023) hat die Gemeinde eine Anfrage von Augenzeugen, bzw. Betroffenen per Mail beantwortet. Die Nachricht im Wortlaut:
Liebe Frau (...), lieber Herr (...)
Vielen Dank für Ihre E-Mail vom 08.03.2026. Wir bedauern sehr, dass Sie gestern vor verschlossenen Türen beim Stimmlokal gestanden sind und entschuldigen uns in aller Form dafür.
Auf das Jahr 2025 hin wurden die Öffnungszeiten des Urnenlokals beim Primarschulhaus Kirchberg auf neu 10.00 bis 11.00 Uhr angepasst und die Stimmcouverts neu bedruckt. Per 2026 hat der Gemeinderat beschlossen, dass die Gemeinde das Porto für die kostenlose Rücksendung des Abstimmungscouverts, vorerst befristet auf 2 Jahre, übernimmt.
Beim Bestellvorgang der neuen Stimmcouverts ab 2026 wurde die kostenlose Rücksendung der Couverts berücksichtigt, aber die alten Öffnungszeiten des Urnenlokals (10.00 – 12.00 Uhr) aufgedruckt. Das führte dazu, dass einzelne Stimmberechtige vor verschlossener Türe standen.
Die Unterlagen für die kommenden Grossrats- und Regierungsratswahlen am 29.03.2026 sind bereits verpackt und werden nächste Woche verschickt. Auch bei diesen Stimmcouverts sind die nicht mehr gültigen Urnenöffnungszeiten aufgedruckt. Als Massnahme werden die Öffnungszeiten der Urne für die kommenden Wahlen bis 12.00 Uhr verlängert.
Besten Dank für das Verständnis.
Freundliche Grüsse
Michael Riedo
Geschäftsleiter
Gemeindeschreiber
Wir möchten von unseren Leserinnen und Lesern wissen:
👉 Haben Sie Ähnliches erlebt? An diesem Abstimmungswochenende oder auch schon früher?
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© Beitragsbild: Nightcafé (KI)