
– Ein Kommentar von Regina Castelberg, Redaktionsleitung HOCH2 Medien Schweiz AG
«Readiness», also zu deutsch Bereitschaft, klingt vordergründig genauso harmlos wie neutral. Doch wer zwischen den Zeilen liest und dieses einfache Wort einmal genau unter die Lupe nimmt, merkt schnell: es ist nichts von beidem. Denn wer von «bereit» oder eben auch «nicht bereit sein» spricht, setzt voraus, dass es ein Ziel gibt, auf das man hinarbeiten sollte. Wer noch nicht dort ist, hat aufzuholen. Genau hier beginnen bei mir die Alarmglocken zu läuten. Denn im Zusammenhang mit der Einführung der e-ID könnte das im besten Fall lediglich eine verkürzte Sicht sein – oder eben auch eine Argumentationsweise, die bewusst eingesetzt wird, um Druck aufzubauen.
Das Swiss IT Magazine stellt fest:
«Die Studie hat mit 78 befragten Schweizer KMU einen recht kleinen Scope, zeigt aber sicher eine Tendenz: Wenn es dem [sic!] wirklich gelingt, die E-ID so stark voranzutreiben und noch 2026 an den Start zu bringen, müsste zumindest ein Teil der KMU nun sehr schnell reagieren und entsprechenden Lösungen einführen. Konkret haben aber erst gut 20 Prozent eine entsprechende Lösung eingeführt, weitere 21,8 Prozent sind in der Planung oder Umsetzung. Rund 36 Prozent planen nicht, E-ID-spezifische Lösungen einzuführen, während die restlichen rund 20 Prozent das Thema erst in Betracht zieht.»
Das klingt ein bisschen, als würde den Unternehmen Nichtwissen, Faulheit oder gar Überforderung unterstellt. Doch gerade bei den 36 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen, die gemäß der nicht repräsentativen Studie der Hochschule Luzern gar nicht planen, die e-ID einzuführen, gibt es mit Sicherheit viele, die sich bewusst kritisch mit digitalen Identitätslösungen auseinandersetzen. Nicht weil sie generell technikfeindlich eingestellt sind, sondern aus kritischer Abwägung und um klar Haltung zu zeigen. Für solche Unternehmen ist «nicht bereit» mit Sicherheit kein Zwischenzustand aufgrund von Unsicherheit oder mangelnder technischer Kenntnis – hier wären noch klarere Aussagen der Firmen über ihre Motivation, die e-ID nicht einsetzen zu wollen, das wirklich Interessante gewesen. Doch das würde möglicherweise erneut einen Debattenraum öffnen, der in den Augen der e-ID-Befürworter im Hinblick auf den Abstimmungssieg vom letzten September, nun doch lieber für immer geschlossen bleiben soll.
Aber so einfach ist das nicht: Man denke dran, dass die Abstimmung zur e-ID, welche vom Schweizer Volk zuvor schon einmal abgelehnt wurde, mit gerade einmal knappen 21’224 Stimmen gewonnen wurde. Und dies nach einem sehr fraglichen Abstimmungskampf, welcher geprägt war von der Einmischung von Unternehmen wie der Swisscom, die größtenteils dem Bund gehört und Medienunternehmen wie der TX Group und Ringier, die ihre Daten von Überwachungsunternehmen wie Palantir oder Oracle auswerten lassen. Diese fraglichen Vorgänge und das zugehörige knappe Abstimmungsresultat haben das Vertrauen bei weiten Teilen der Bevölkerung und Wirtschaft in die e-ID nicht unbedingt gestärkt. Das ganze gipfelte in einer Stimmrechtsbeschwerde, die bis zu einem Verfahren vor Bundesgericht mit mehreren Beschwerdeführern führte – welche, ohne dass ihre Argumente tatsächlich geprüft worden wären, eine Schlappe einstecken mussten.
Während im Abstimmungskampf die Freiwilligkeit stark betont wurde, zeigt sich in der aktuellen Diskussion eine Verschiebung: Der Fokus verlagert sich zunehmend auf öffentliche Erwartungen, Anpassungsdruck und einem subtil suggerierten «Nachholbedarf», der Firmen, die nicht mitziehen, in ein schiefes Licht rückt. So beendet das Swiss IT Magazine seinen Artikel mit den folgenden Worten, die durchaus in die Kategorie «Angstszenario» eingereiht werden darf:
«Viele KMU geben daher an, im Moment abwarten zu wollen. Die Studienautoren warnen aber: Wer zu lange wartet, riskiert kurzfristigen Druck und damit unter Umständen Folgeprobleme wie höhere Integrationskosten.»
Gerade bei KMU entsteht so der Eindruck, dass «nicht ready sein» zunehmend problematisiert wird und ihnen früher oder später zum Nachteil gereichen wird. Und genau hier beginnt sich die Problematik solcher Argumentationen und Berichterstattungen zu zeigen: Wann wird aus einer Option eine Erwartung? Und wann aus einer Erwartung faktischer Druck?
Die Hochschule Luzern schreibt zu den Ergebnissen ihrer Studie:
«Anders als in der politischen Debatte vor der Abstimmung vermutet, liegen die grössten Hindernisse nicht bei Recht oder Datenschutz. Am häufigsten nennen die KMU drei Hürden für die Einführung: die Integration in bestehende Systeme (47,4 Prozent), mangelndes Wissen und Verständnis (43,6 Prozent) sowie fehlende Geschäftsfällen [sic!] oder fehlender Bedarf (39,7 Prozent). Regulatorische Bedenken nennen nur 17,9 Prozent (siehe Abbildung 1).»

Doch ist das wirklich eine korrekte Schlussfolgerung, die man aus dieser nicht repräsentativen Studie ziehen kann? Welche Bedenken haben die fast 35 % der Studienteilnehmer, also mehr als ein Drittel, denn tatsächlich bezüglich Datenschutz? Sind mehr als 17 % der Teilnehmer mit regulatorischen Bedenken einfach als kleine Minderheit abzutun? Hier tun sich in meinen Augen weitere Fragen auf, die eine qualitative Betrachtung des Themas dringend notwendig machen.
Digitale Lösungen können Prozesse vereinfachen – daran besteht kaum Zweifel. Doch dies ist zum einen nicht immer der Fall, besonders wenn Sicherheitsaspekte und Persönlichkeitsschutz zusätzlich mit hineinspielen. Zahlreiche kritische Stimmen stellen daher nicht die Digitalisierung an sich infrage, sondern deren Ausgestaltung, wer dahinter steht und ob nebst den digitalen Möglichkeiten nach wie vor ein Recht auf ein analoges Leben besteht, für jene, die das bevorzugen.
Der Vergleich mit anderen internationalen Entwicklungen – etwa bei digitalen Identitäts- oder Kontrollsystemen wie der geplanten Alterskontrolle der EU im Internet – zeigt, wie sensibel dieses Thema ist und wie wenig man wirklich darauf vertrauen kann, dass es um Schutz der Bevölkerung oder um die Vereinfachung des Lebens geht. Wer weitergräbt, und man muss nicht allzu tief graben, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, stößt auf eine ganz andere Motivation, welche hinter solchen Projekten steht: Die Totalüberwachung der Bevölkerung, während gleichzeitig Regierungen, Behörden und Firmen immer intransparenter handeln.
Für viele ist klar: Technologische Innovation ist sinnvoll, solange sie echten Mehrwert bringt und freiwillig ist. Doch Anwendungen, die als unverhältnismäßig oder schwer kontrollierbar wahrgenommen werden, stoßen zurecht auf Widerstand – unabhängig davon, als wie komfortabel sie im Alltag angepriesen werden.
Diese Skepsis ist kein Zeichen von genereller Technikfeindlichkeit, sondern Ausdruck eines Bedürfnisses nach Selbstbestimmung und Verhältnismäßigkeit. Auch ich bin nicht gegen technologische Entwicklungen – im Gegenteil, wir nutzen viele davon für unsere tägliche Arbeit bei HOCH2. Aber ich bin definitiv gegen Systeme, die uns als alternativlose Lösungen verkauft werden, während sie gleichzeitig grundlegende Fragen offenlassen und im Hintergrund Firmen mitmischen, die sich in den letzten Jahren unvorstellbaren Reichtum durch die Kontrolle über unsere Daten angehäuft haben.
Eine digitale Identität, die potenziell mehr Kontrolle und Überwachung ermöglicht für Staat und gar durch Privatfirmen als sie Nutzen für den einzelnen Menschen stiftet, ist kein Fortschritt – sondern schlichtweg einzig und allein ein Risiko.
Und genau deshalb ist es legitim zu sagen: Ich mache da nicht mit! Ob nun als Privatperson oder auch als Firma.
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© Beitragsbild: erstellt mit ChatGPT (KI)