
– Ein Kommentar von Paul Siegenthal, lic. oec. HSG
Medien konditionieren das ästhetische Empfinden der Massen. Sie verklären Massenware zu Design-Ikonen. Derjenige, der Ramsch günstig anbieten kann, macht den Reibach.
Wer die IKEA-Webseite besucht – und das sind zugegebenermaßen fast alle – sieht vor allem «gedeckte Farben» (muted colors): grau, beige, creme, graugrün und braun. Gedeckte Farben haben einen niedrigen Pigmentanteil. Sie entstehen durch Zumischung von Grau und Weiß.
Alles passt zusammen: Wände, Kleider, Möbel – von den Photographen so inszeniert, das gerade die Sonne durch das Fenster scheint. Die Marketingabteilungen beschreiben diese Farben als «zeitlose Eleganz», die neutral und ruhig wirken.
Was dem Bodo früher sein Mustang war, ist heute der Kassenliesel die IKEA-Couch. Da steht sie nun, die gepolsterte Spanplatte, in der Stube einer Mietskaserne. Doch die behagliche, gemütliche und ausgeglichene Atmosphäre will sich nicht einschleichen. Immerhin hat Liesel jetzt das Gefühl, so modern eingerichtet zu sein wie die Nachbarin. Ja, man kann sich das auch leisten. Raus mit der verstaubten Ware der Großeltern! Zumindest hat sie jetzt für ein paar Jahre Ruhe, dann muss das nächste Sofa her. Die «zeitlose Eleganz» hat dann bereits ausgedient.
Modetrends halten die Wirtschaft am Laufen. Industriedesign, oder zutreffender Massenware-Design, versucht unentwegt billiges Material, hergestellt von unqualifizierten Minmallöhnern, als modern und elegant zu inszenieren.
Damit das Volk davon erfährt, gibt es Mode- und Wohnzeitschriften. Dort werden die neuen Kreationen als «der neueste Trend», geschaffen von «Star-Designern», groß aufgemacht. Das Magazin Schöner Wohnen führt bei den Möbel-Trendfarben für 2026 unter anderem die Farbtöne «Macchiato»-Braun und «Cloud Dancer»-Weiß auf, aber auch dunkles Grau und Khaki sollen dazugehören. Der nächste Kultfilm ist dann voll von Product Placement. Dann kommen Photos von Schönen und Reichen, die diese Möbel bei sich im Haus haben. Der Liesel fällt es wie Schuppen von den Augen: «Diese Möbel muss ich haben!»
Die ersten Exemplare sind tatsächlich sehr teuer. Sie werden in Handarbeit von Manufakturen aus teuren Materialien hergestellt. Frustriert schaut die Kassenliesel auf den Preis und weiß, dass sie sich das nie leisten kann. Kurze Zeit danach folgt IKEA mit ähnlichen Produkten aus billigen Materialien und mit zahlbaren Preisen.
Doch damit nicht genug: der Chinese kopiert gleich nach Kräften und zeigt, dass es noch billiger geht. Die Kassenliesel ist wieder dabei und sei es nur mit einem gefälschten Markenprodukt.
Die industrielle Produktion hat die billige Versorgung des Volkes mit Gegenständen des täglichen Gebrauchs ermöglicht. Doch ist das wirklich so? Früher hielt ein Schrank über mehrere Generationen. Ja, er war in der Anschaffung sündhaft teuer. Hergestellt wurde er von einem fähigen Tischler nach den Methoden eines Meisters und den Bedürfnissen des Kunden. Designer gab es nicht.
Rechnet man den Schrank auf den Zeitwert über seine Lebensdauer herunter, war er wahrscheinlich billiger als ein Industrieprodukt. Ging er kaputt, wurde er repariert, nicht weggeschmissen. Massenprodukten fehlt die Reparaturfähigkeit. Mehr noch, sie werden so gebaut, dass sie nach einer bestimmten Zeit ersetzt werden müssen. Man nennt das die geplante Obsoleszenz.
Es hat keinen Sinn, der Nostalgie alter Zeiten nachzuhängen. Große Teile der Bevölkerung sind so konditioniert, dass sie das wollen, was teuer aussieht und wenig kostet. Der Sinn für die Herstellungsqualität ist den meisten fremd geworden. Die Medien konditionieren das ästhetische Empfinden der Massen so, wie es die Marketingabteilungen vorgeben. Zurzeit sind es gedeckte Farben in einem minimalistischen Design. Dem Volk wird suggeriert, das sei Luxus. Warum soll gerade beige Luxus sein? Erklären kann das keiner.
Der Schlüssel dazu ist ein konstanter Fluss von Informationen zum Konsumenten. Versiegt dieser, könnte der Kunde keinen «informierten Entscheid» treffen. Mit dem Internet hält dieser Fluss rund um die Uhr an. Statt zu denken, wird gegoogelt. Das Volk ist zur willkürlich manipulierbaren Masse geworden.
Während aktuell die gedeckten Farben angesagt sind, steht der nächste Trend an: die Renaissance von Art Deco, wahrscheinlich als Nouveau Deco bezeichnet. Statt eckige Bretter gibt es geschwungene Linien, verziert mit Messingleisten und furniert im Faux-Holz-Look.
Liesel muss bald wieder ummöblieren.
Für alle anderen lohnt sich ein Gang ins Brockenhaus.
Ist Beige wirklich zeitlos – oder nur gut vermarktet? Wie nehmen Sie den heutigen «Luxus»-Begriff wahr? Schreiben Sie uns Ihre Beobachtungen in die Kommentare.
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