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18. März 2026 - «Islam und Islamismus sind dasselbe» 1

«Islam und Islamismus sind dasselbe»

«Islam und Islamismus sind dasselbe»
Was lange als klare Differenz galt, wird zunehmend diskutiert: Die Frage, ob Islam und Islamismus tatsächlich getrennt werden können, rückt ins Zentrum einer grundlegenden Auseinandersetzung.

– Ein Artikel von M. Hikmat von Zukunft CH

In einer vielbeachteten Debatte auf Figaro TV trafen der französische Essayist Ferghane Azihari (Autor von «L’islam contre la modernité», auf Deutsch: «Der Islam gegen die Moderne») und der Grossimam von Bordeaux, Tarek Oubrou, frontal aufeinander. Thema: das Verhältnis von Islam, Islamismus und Moderne. Was als theologische Diskussion begann, entwickelte sich zu einer Grundsatzdebatte.

Azihari formulierte seine These ohne Abschwächung: «Islam und Islamismus sind dasselbe.» Für ihn ist die Unterscheidung zwischen Religion und politischer Ideologie eine «semantische Täuschung». Oubrou hingegen plädierte für Differenzierung, Reform und Kontextualisierung – und verteidigte die Möglichkeit einer innerislamischen Erneuerung.

«Science-Fiction der Freiheit»

Azihari argumentierte mit historischen und statistischen Befunden. Seine Diagnose: «Die muslimische Welt ist aus einer unverhältnismässig grossen Zahl autoritärer Regime zusammengesetzt, in denen Freiheit und Gleichheit ins Reich der Science-Fiction gehören.» Von rund 50 mehrheitlich muslimischen Staaten lebten bei einer Gesamtbevölkerung von 1,9 Milliarden Menschen «nur 3 Prozent unter demokratisch-liberalen Regimen, die über dem Welt-Durchschnitt liegen». Zudem befänden sich «über 60 Prozent der weltweit am stärksten diskriminierten Minderheiten» in islamisch geprägten Ländern. Auch beim Thema Terrorismus wurde er deutlich: «Das Palmarès (die Liste, Anm. d. Red.) der tödlichsten Terrororganisationen besteht im Wesentlichen aus Gruppen muslimischer Prägung.»

Sein kulturkritischer Befund reichte weiter: Obwohl Muslime etwa ein Viertel der Weltbevölkerung stellten, entfielen lediglich «1 Prozent der Nobelpreise aller Kategorien» auf sie. Viele Preisträger hätten «ins Exil fliehen» müssen, um wissenschaftlich wirken zu können. Für Azihari ergibt sich daraus kein zufälliges politisches Versagen einzelner Staaten, sondern ein strukturelles Problem in den religiösen Quellen selbst.

Apostasie und Freiheit: Ein heikler Moment

Besonders brisant wurde die Debatte beim Thema Religionsfreiheit. Auf die Frage, ob Muslime aus dem Islam austreten dürften, entfuhr Oubrou zunächst: «Aber natürlich geht das nicht.» Er relativierte umgehend und verwies auf persönliche Erfahrungen: «In marokkanischen Gesellschaften gab es Kommunisten, Atheisten – das waren unsere Kumpel.»

Azihari hielt dagegen: «Atheismus ist im muslimischen Raum eine Realität, die brutal unterdrückt wird. In Saudi-Arabien zeigt sich niemand als Atheist.» Er verwies auf konkrete Fälle von Repression und stellte klar, dass die klassischen sunnitischen Rechtsschulen bei Apostasie, d. h. Glaubensabfall, die Todesstrafe vorsähen.

Oubrou argumentierte hermeneutisch: Es gebe «keinen Klerus, keine unfehlbare Stimme – nur die Quelle ist unfehlbar». Nicht jede Handlung des Propheten sei normativ; vieles sei «tribal», also vom Stamm abhängig, oder historisch kontextgebunden.

Gesellschaftliche Spannungen in Frankreich

Azihari untermauerte seine Kritik mit konkreten Umfragedaten aus Frankreich. «63 Prozent der Muslime sehen Homosexualität als Perversion (vs. 15 Prozent Katholiken, zehn Prozent Nichtgläubige)». Zudem vertritt «mehr als ein Muslim auf zwei» die Auffassung, «Frauen müssen dem Mann gehorchen (vs. fünf Prozent Gesamtbevölkerung)». Und «mehr als die Hälfte» meine, «Juden haben zu viel Macht in Politik, Wirtschaft, Medien (vs. 20 Prozent der Gesamtbevölkerung)». Für Azihari sind diese Zahlen ein Hinweis darauf, dass es sich nicht um isolierte Ausreisser oder blossen Extremismus handelt, sondern um Einstellungen, die tiefer in gesellschaftlichen Milieus verankert sind.

Oubrou hingegen sprach von einem langen Prozess der «Acculturation» und zog Parallelen zu den konfliktreichen Säkularisierungsprozessen Europas. Reformen, so seine Argumentation, benötigten Zeit und seien historisch stets von Spannungen begleitet gewesen.

Wenn Begriffe beruhigen – und die Wirklichkeit verschleiern

Die Debatte zwischen Azihari und Oubrou war mehr als ein intellektueller Schlagabtausch. Sie legt einen zentralen Konflikt offen: das Narrativ der vergangenen Jahre, wonach «Islamismus» etwas vom «Islam» Getrenntes, Fremdes, gleichsam eine ideologische Entgleisung sei. Gerade diese sprachliche Trennung hat in Europa den Eindruck entstehen lassen, Islamismus habe mit dem ideologischen Fundament des Islam wenig zu tun. Doch was unter Islamismus diskutiert wird – die politische Ordnungskraft des Islam, die Verbindung von Religion und Staat, die Legitimation von Dschihad oder die Vorrangstellung religiöser Normen vor säkularem Recht – sind keine nachträglichen Erfindungen moderner Extremisten. Sie sind historisch und theologisch tief in der islamischen Tradition verankert.

Der gleiche Wolf, anderes Fell

Aziharis zugespitzte These «Islam und Islamismus sind dasselbe» zielt genau auf diesen Punkt: auf die Kontinuität zwischen religiösem Anspruch und politischer Umsetzung. Seine Provokation besteht darin, die begriffliche Beruhigungsstrategie zu durchbrechen. Wenn Politik, Recht und Gesellschaft im klassischen islamischen Verständnis nicht strikt getrennt sind, dann ist der politische Islam keine Abweichung, sondern eine mögliche – und historisch dominante – Auslegung.

Oubrou hingegen verweist auf die gelebte Realität einiger Muslime in Europa, die ihren Glauben mit demokratischen Ordnungen vereinbaren wollen. Das ist unbestreitbar. Doch die Frage bleibt, ob diese Vereinbarkeit aus den Quellen selbst erwächst – oder aus einer bewussten Distanzierung und Neuinterpretation.

Die eigentliche Herausforderung für Europa

Ein notwendiger Schritt in dieser Debatte ist daher nicht moralische Empörung, sondern begriffliche Klarheit. Solange «Islamismus» als isoliertes Randphänomen behandelt wird, bleibt die Auseinandersetzung oberflächlich. Wer Reform will, muss offen benennen, dass politische Herrschaftsansprüche, Gewaltkonzepte und religiös begründete Rechtsordnungen Teil der Tradition sind – und sich argumentativ mit ihnen auseinandersetzen.

Die eigentliche Herausforderung für Europa liegt somit nicht in der Frage, ob Kritik erlaubt ist. Sondern ob man bereit ist, die künstliche Trennung zwischen «Islam» und «Islamismus» zu hinterfragen – und die Diskussion auf der Ebene von Texten, Theologie und Machtanspruch ehrlich zu führen.

Fazit: «Islam und Islamismus sind dasselbe» ist keine blosse Wortakrobatik, sondern steht für 1400 Jahre ungelösten Konflikt des Islam mit der Moderne.

 

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(Dieser Artikel erschien erstmals auf der Website von Zukunft CH – HOCH2 dankt für die Erlaubnis der Veröffentlichung auf unserer Website. HIER geht es zu Erstveröffentlichung)

 

© Beitragsbild: Nightcafé (KI)

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1 Kommentar zu “«Islam und Islamismus sind dasselbe»”

  • Patrick Jetzer sagt:

    Ich bin dagegen, alle in einen Topf zu werfen. Es gibt auch in islamischen Ländern sekularisierte Moslems. Die Palästinenser führen einen Kampf um ihr Territorium sie haben ein Recht auf einen Staat und Israel futiert sich um diese UNO-Resolution. Siehe dazu das aktuellste Buch von Jacques Baud. Es ist der IS und ähnliche Gebilde, welche mit einem extremen Islam, der von vielen Imamen auch abgelehnt wird, hantieren. Die Moslems stellen bei sich ihre Kultur voran. Wir sollten dies auch!

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