
Das Schweizer Gesundheitssystem bleibt ein Dauerpatient – und viele seiner Symptome sind seit Jahren bekannt. Ich habe bereits in verschiedenen Artikeln beleuchtet, wie krank das gegenwärtige Gesundheitssystem der Schweiz tatsächlich ist. Die Unmöglichkeit ökonomischer sowie gesundheitspolitischer Anreize zur Reduktion der Gesundheitskosten sollte hinlänglich klar geworden sein. Anlässlich der Möglichkeit in der Schweiz, jährlich die Krankenkasse zu wechseln, beschäftigen wir uns alle Jahre wieder damit, welches Krankenkassenmodell wohl das ökonomisch und versicherungstechnisch vorteilhafteste für uns sein könnte. Deshalb möchte ich zeigen, wie sich die verschiedenen Modelle unterscheiden – und worauf es wirklich ankommt.
In meinem vorangegangenen Interview mit Dr. med. Riggenbach wurde das System der Kranken-Kassen-Wirtschaft bereits ein wenig erhellt. Björn Riggenbach meinte dort:
«Das Krankenkassenobligatorium muss zuerst abgeschafft werden. Dieses Obligatorium ist entstanden, weil die wirtschaftlichen Interessen im Gesundheitswesen über dieses Obligatorium an die Gelder der Patienten herankommen konnten und nicht aus Solidarität. Der Staat gibt heute zwar allen Patienten eine Garantie, dass sie unbegrenzt (die anerkannten) Leistungen beziehen können, während er der Gesundheitsindustrie garantiert, dass ihre Leistungen vergütet werden. Im Effekt führt das aber dazu, dass ein unersättliches System von Leistungserbringern genährt wird, während der Patient im Glauben bestärkt wird, er hätte ein unbegrenztes Anrecht auf Gesundheits-Leistungen, weil er ja dafür bezahlt. Beides ist falsch.
Im herkömmlichen Modell sind Arzt- und Therapiewahl und auch Tarif(...) unfrei und werden durch eine völlig fachfremde Organisation eingeschränkt – den Staat. Dazu finden fortwährend staatlich reglementierte Eingriffe durch das Lobbying bevorzugter Wirtschaftsunternehmen und der Krankenkassen statt. Sie bilden Verbände wie z. B. Santé Suisse, die dann (...) Zulassungen und damit die Berechtigungen der Ärzte zum halbstaatlichen Markt (staatlich reglementiert) der Versicherungsleistungen vergibt.»
Das heißt, wir haben im Endeffekt ein System geschaffen, das einerseits den Bedarf, bzw. die Nachfrage des Patienten vom Angebot des Arztes entkoppelt, und auf der anderen Seite das Angebot des Arztes bevormundet, indem es gewisse Leistungen willkürlich besser bezahlt als andere. Damit ist der Arzt nicht mehr frei darin, diejenigen Leistungen zu erbringen, die nötig sind, weil er durch Einschränkungen seiner Therapie (staatliche und ökonomische Vorgaben, sowie Autoritätsargumente wie best practice, Leitlinien etc.), eingeschränkt, und durch ökonomische Anreize geködert wird. Auf der anderen Seite ist der Patient nicht mehr frei darin, diejenige Therapie zu wählen, die nötig ist, weil er ebenfalls durch die oben erwähnten Kriterien daran gehindert wird. So werden Angebot und Nachfrage entkoppelt. Das heißt, ein Arzt der eigentlich gute Leistungen erbringen würde oder erbringt, wird unter Umständen schlechter dafür bezahlt oder sogar bestraft, während ein schlechter Arzt, der sich systemkonform verhält dafür ökonomisch (und mit Ansehen) belohnt wird.
Wenn ich nun jeweils im November meine neue Krankenkasse wähle, dann werden mir auf comparis.ch stets diejenigen Krankenkassen aufgelistet, die ökonomisch am vorteilhaftesten für mich sind. Und das sind diejenigen, die entweder die freie Arztwahl einschränken (HMO/Hausarztmodelle) oder mich verpflichten, mich unbeteiligten Dritten gegenüber am Telefon (Telemedizin) über meinen Gesundheitsbedarf zu rechtfertigen, bevor ich zum Arzt gehe.
Der erste Fall ist eine Unmöglichkeit, weil ich eben völlig frei darin sein muss, meinen Arzt situativ zu wählen, der zweite ist eine Absurdität, weil man dabei davon ausgeht ich könne nicht selbst beurteilen, ob ich eine medizinische Behandlung benötige. Was bedeutet, dass mir suggeriert wird, ich hätte Beratung nötig bevor und ob ich überhaupt zum Arzt gehe, was entmündigend wirkt. Also genau das Gegenteil dessen, was man in einer Notlage braucht. Die Krankenkassen haben dieses System ihrerseits eingeführt, da sie statistische Berechnungen darüber angestellt haben, dass sich mit diesem Vorgehen Kosten sparen lassen. Entweder, indem sie mit Ärzten zusammenarbeiten, die besonders billig arbeiten oder indem sie mit Beratungen erreichen, dass Menschen Leistungen erst gar nicht in Anspruch nehmen. Beides dient dem Profit der Krankenkassen, bzw. der Einsparung von Kosten, und ist damit nicht im Sinne des Patienten. Dass uns dennoch erklärt wird, dies sei in unserem Interesse gehört zu den Absurditäten eines Systems, das Jahr für Jahr Leistungen reduziert und einspart zugunsten des Profits Dritter und eines übergriffigen Staatswesens, das versucht die schlimmsten Auswüchse dieses System in den Griff zu bekommen. Wenn man sich jedoch die direkte Wirkung und das Resultat dieses Vorgehens anschaut, dann führt es in Wahrheit zu einer Reduktion der Leistungsfähigkeit bei gleichzeitiger Kostensteigerung! Das ist ein eindrückliches Resultat.
Aber auch in sich selbst sind die Maßnahmen widersinnig. Wie in früheren Artikeln festgehalten, dass die Medizin zum Bereich des Freien Geisteslebens gehört, dreigliederisch gesprochen. Das bedeutet im Klartext, dass alles in der Medizin, und namentlich der Heilerfolg, von der freien Beziehung zwischen Arzt und Patient abhängt. Alle staatlichen und wirtschaftlichen Einschränkungen, denen man diese Beziehung unterwirft, führen somit zu einer Verschlechterung der Erfolgschancen und damit auch zu einer Reduktion der Effizienz. Und das ist genau das, was wir beobachten können. Das System der staatlich gelenkten und monopolisierten Krankenkassen erreicht weder durch zunehmend staatliche Regulierung und Subventionierung, noch durch das Einfließenlassen wirtschaftlicher Effizienzkriterien eine höhere Leistung. Im Gegenteil. Beides führt zu einer Verschlechterung des Systems und kaschiert dessen Misserfolg.
Wer dagegen ein Gesundheitswesen im Sinne der Leistungsbezüger haben möchte, der muss dafür sorgen, dass das Gegenteil geschieht: Arzt-Patientenbeziehung und Finanzierung müssen auf eine völlig freie, eigenverantwortliche Basis gestellt werden und der Staat muss aufhören regulierend einzugreifen, während das Gesundheitswesen selbst rein gemeinnützig und auf keinen Fall profitorientiert betrieben werden darf. Der Staat kann sich nur dann aus dem System zurückziehen, wenn jene, die seine wirtschaftliche Basis tragen, verstehen, dass diese Basis zwingend gemeinnützig sein muss. Das heißt, es müssen wieder Genossenschaften und Vereine geschaffen werden, die Leistungen individuell UND solidarisch mit den Versicherten festlegen.
Schließlich muss der Patient die Möglichkeit haben, sich im Falle einer existentiellen Gesundheitskrise auf ein System verlassen zu können, dass ihn möglichst selbstlos trägt während er wiederum in der Lage sein muss, loszulassen und zuzulassen, dass es jetzt nicht darum geht, irgendwelche Leistungen zu konsumieren sondern vielmehr die Hilfe anderer anzunehmen. Es ist selbstverständlich, dass Hilfeleistungen umso besser wirken, angenommen und gegeben werden können, je selbstloser dies geschieht. Das ist auch in jedem sozialen Beruf bekannt. Aus Sicht des Patienten kann es deshalb nie darum gehen «Leistungen» zu beanspruchen, für die man «eingezahlt» hat. Dies gilt, auch wenn man 60 Jahre lang jährlich 6000 Franken in das System der Krankenkassen gepumpt hat und dabei keinen einzigen Tag krank war. Braucht man in seinem 61. Lebensjahr Hilfe, und damit Geld, so kommt dieses Geld immer aus den Leistungen der anderen Versicherten und nie aus den eigenen Leistungen. Es ist daher ein irrige Annahme, es ginge etwa darum für sein Geld «etwas» zu bekommen. Dies ist ebenso wenig wie in der übrigen Wirtschaft der Fall. Niemand arbeitet in irgendeiner Weise für «sich». Alle arbeiten in einer arbeitsteiligen Wirtschaft füreinander. Und entsprechend zahlt auch niemals jemand seine Krankenkassenprämien für «sich» in die Versicherung ein, sondern selbstverständlich für die Leistungen, die andere gerade brauchen.
Indem die Krankenkassen uns mit ökonomischen Anreizsystemen ködern, schaffen sie somit gleich mehrere, negative und auch für sie selbst zerstörerische Anreize.
Es mag sich somit jeder selbst überlegen, welcher Geisteszustand vorliegt wenn ich meine Krankenkassenbeiträge danach beurteile, ob sie möglichst gering ausfallen und mir möglichst viel nützen. Und was dagegen vorliegt, wenn ich sie danach ausrichte, dass sie grundsätzlich anderen zugute kommen, und nur im Ernstfall mir. Welche Haltung ist die heilsamere?
Denn der Geisteszustand, in welchem ich eine Leistung in Anspruch nehme, wird sich auf meine Gesundheit auswirken: Ob ich in einer eigensüchtigen und profitorientierten Haltung Leistungen konsumiere oder ob ich mich von einer Gemeinschaft von Menschen, die mir, wie bei Artabana, unter Umständen sogar persönlich bekannt sind, tragen lassen kann, wenn es mir schlecht geht, ist ein himmelweiter Unterschied. Es ist außerdem gut untersucht, dass Menschen, die mit Vertrauen, Positivität und Selbstwirksamkeit eine Gesundheitskrise erleben, diese bedeutend besser meistern, weil sie resilienter sind als andere.
Für eine rein naturwissenschaftlich-biologistisch orientierte Schulmedizin sind Krankheiten indes lediglich eine Art biologischer Anomalien und keine Schicksalsfragen. Entsprechend meinen sie, Krankheiten in einer technokratischen Weise mit Hilfe ökonomisch-staatlicher Mechanismen meistern zu können. Besonders sichtbar wurde dieses zerstörerische Vorgehen auch in der Coronakrise.
Damit kommen wir nochmals auf ein Thema, das eben immer noch völlig ungenügend verstanden wird. Das Phänomen Coronakrise ist nicht ein Resultat zufällig sich ereignender Unfälle oder einzelner Systemmängel. Es ist vielmehr das Resultat kollektiven Versagens eines Systems, das exakt so funktioniert hat, wie man es von ihm erwartet und vorhergesehen hat. Die Ärzte, Versicherungen und die Pharmaindustrie haben sich in der Coronazeit nicht deshalb systemkonform verhalten, weil sie sich etwa geirrt hätten. Sie haben sich deshalb so verhalten, weil sie durch ein jahrelang deformiertes Krankheits- und Profitsystem entsprechend konditioniert wurden.
Es ist deshalb unabdingbar, dass das System grundsätzlich überdacht und von Grund auf anders strukturiert wird. Und es ist nicht damit getan, einzelne Aspekte zu verbessern oder anzupassen, wie mittlerweile ja auch deutlich geworden sein dürfte.
Wie erleben Sie das Schweizer Gesundheitssystem? Und: Haben Sie Ende November die Krankenkasse gewechselt oder sehen Sie keinen Sinn dahinter? Hinterlassen Sie uns Ihren Erfahrungsbericht in den Kommentaren – sachlich oder kritisch, alles ist willkommen. Ihre Perspektive hilft, das System besser zu verstehen.
© Bild: Nightcafé (KI)