Der Wahrheit verpflichtet
26. April 2026 - Paul Siegenthal 1

Venezuela inside – Der Untergang eines Paradieses

Paul Siegenthal
Ein Land voller Reichtum, Schönheit und Möglichkeiten – und heute praktisch ein Synonym für Verfall. Wer Venezuela von innen kennt, versteht: Der Niedergang kam nicht über Nacht. Das Schicksal von Venezuela zeigt eine der eindrücklichsten politischen und wirtschaftlichen Absturzgeschichten unserer Zeit auf.

– Ein Kommentar von Paul Siegenthal, lic. oec. HSG

Ich habe in Venezuela gelebt, genauer gesagt in Maracay, einer mittelgroßen Stadt, die eine Autostunde von Caracas entfernt liegt. Es gibt dort Industrie und Militär. Von hier stammen die meisten Gewinnerinnen der Miss-Universe-Wahl und viele erfolgreiche Sportler.
Gewohnt habe ich in einer Zwei-Zimmer-Suite im «Centro Militar», einer Hotelanlage des Militärs. Mit Wäscheservice kostete mich das umgerechnet 5 Schweizer Franken pro Tag. Das Land war vollkommen ruhig, formell demokratisch. Es gab wenig Kriminalität und traumhaftes Wetter. Niemand hätte sich jemals vorstellen können, was eines Tages kommen würde – obwohl schon damals die ersten Wolken am Horizont erkennbar waren.

Mit der Demokratie kam die Korruption

Traditionsgemäß hielten die venezolanischen Präsidenten nach einer Amtsperiode ihre letzte Ansprache auf dem Flughafen Maiquetía. Danach verschwanden sie mit mehreren Koffern voller Gold und Bargeld nach Florida. Dort wohnten sie dann Seite an Seite mit ihren Amtsvorgängern, fernab strafrechtlicher Verfolgung. Ihre Lebensplanung war einfach. Sie wussten, dass sie nie wiedergewählt werden. Also mussten sie sich während ihrer Amtszeit so bereichern, dass es für den Rest ihres Lebens reichte. Doch Korruption war nicht der Grund für den Niedergang des Landes. Es war die Demokratie. Gewählt wurde derjenige, der die meisten Versprechen machte. Wir sollten die Venezolaner deshalb nicht als unreife Bürger betrachten – in Deutschland funktioniert es nicht anders.

Dann kam Chávez

Irgendwann hatte die Bevölkerung genug von Korruption und Vetternwirtschaft. Hugo Chávez putschte und er versprach, mit der Malaise aufzuräumen. Der Putsch scheiterte, seine Aura blieb. In den folgenden Wahlen wurde er zum Präsidenten gewählt. Und tatsächlich, die Korrupten wurden entlassen. Ersetzt wurden sie durch eigene Parteigänger, die genauso korrupt waren. Was als Erlösung begann, endete in einem nie enden wollendem Purgatorium. Jeder der konnte, verließ das Land. Ich kenne niemanden mehr von damals, der heute noch in Venezuela lebt.
Venezuela ist mit allem gesegnet, was Gott geben kann: Rohstoffe (nicht nur Erdöl), die schönsten Strände, einen Dschungel, den man als Märchenland bezeichnen kann (Gran Sabana) und die schönsten Frauen
(Miss Universe Gewinnerinnen). All das nur drei Flugstunden von Miami oder zehn Flugstunden von Europa entfernt. Es war unerträglich, zuschauen zu müssen, wie dieses Land vor die Hunde ging. Wenigstens fällt es nicht so schwer, den Niedergang Deutschlands zu ertragen.

… und dann Trump

Der Zerfall Venezuelas blieb nicht ohne Folgen – weder für die Region noch für die geopolitischen Interessen der Großmächte. Und genau hier tritt eine neue Kraft auf die Bühne: die Vereinigten Staaten. Wäre den Amerikanern tatsächlich der Kampf gegen die Narcos so wichtig gewesen, wären sie in Mexiko einmarschiert. Doch es schien bei weitem lukrativer, den ehemaligen Busfahrer Maduro aus dem venezolanischen Präsidentenpalast zu holen. Die USA sind jetzt schon mit großem Abstand der größte Erdölproduzent der Welt. Sobald sie die Produktion in Venezuela wieder hochgefahren haben, verblassen selbst Saudi-Arabien und Russland mit ihren Fördermengen. Sie bestimmen den Markt.
Trumps Coup bedeutet für die Venezolaner mehr Hoffnung als Kränkung. Sie mögen die «Gringos» zwar nicht, doch sie träumen alle davon, irgendwann mal einer zu werden. Schlimmer kann es nicht werden.

Stand heute: Macht statt Demokratie

In Trumps Vision für Venezuela vermisst man vor allem eines: die Demokratie. Die Amerikaner wissen genau, dass, sobald wieder ein neuer Demagoge auf der Bühne erscheint, dieser Wahlgeschenke machen wird. Die USA müssten das dann bezahlen. Daher verwalten sie das Land lieber mit einer Marionette, die wahrscheinlich schon lange vor dem Coup auf ihrer Lohnliste stand. Zudem können die Amerikaner jetzt die vielen venezolanischen «Aliens», meist Kriminelle, zurückschaffen. Ob diese Fachkräfte viel zum Aufbau des Landes beitragen werden, ist fraglich.
Klar ist auch die außenpolitische Botschaft, die Donald Trump sendet: Entweder ihr spurt oder wir nehmen euch aus dem Spiel. Die Kolumbianer und die Kubaner haben den Wink bestimmt verstanden.
Offenbar macht Trump dasselbe wie der persische König Kyros. Dieser besiegte Krösos, den König von Lydien, ließ ihn aber im Amt. So sparte er sich die Kosten für eine Truppenpräsenz, die Tribute flossen trotzdem.

Das Beispiel Venezuela zeigt eindringlich auf, dass Reichtum nicht vor politischem Versagen schützt. Und machen wir uns nichts vor: der Fall Venezuelas ist kein Einzelfall, sondern ein mögliches Zukunftsszenario, auch für europäische Länder.

 

Was denken Sie: Ist Venezuela in Ihren Augen nur ein trauriger Einzelfall – oder ist es viel mehr ein beängstigendes Vorreiter-Szenario, das aufzeigt, was anderen noch blühen könnte?
Welche Lehren sollte Europa aus dieser Entwicklung ziehen?
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