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01. Juli 2026 - Wenn der Tod zur Dienstleistung wird

Wenn der Tod zur Dienstleistung wird

Wenn der Tod zur Dienstleistung wird
Am 27. September 2026 entscheidet Zürich darüber, ob Sterbehilfe in Spitälern ermöglicht und Sterbehilfeorganisationen Zugang zu allen Alters- und Pflegeheimen erhalten sollen. Diese Abstimmung ist kein isolierter Entscheid. Sie ist Teil einer Entwicklung, die längst begonnen hat und die die Frage aufwirft, wie wir als Gesellschaft mit Menschen umgehen, die am Ende ihres Lebens Unterstützung brauchen.

– Ein Artikel von Jurist und Lehrer Ralph Studer von Zukunft CH

Die Vorlage kommt an die Urne, weil gegen den Gegenvorschlag des Kantonsrats das Referendum ergriffen wurde. Zürich steht damit vor einem Entscheid, der nicht nur kantonale Strukturen betrifft, sondern grundlegende Vorstellungen davon, was Menschen am Lebensende brauchen und welche Signale eine Gesellschaft ihnen sendet.

Steigende Zahlen, sinkende Hemmschwellen

Die Abstimmung fällt in eine Zeit, in der die Zahl der assistierten Suizide stark steigt. Die österreichische Ethikerin Susanne Kummer, Direktorin des Instituts IMABE, weist seit Jahren auf Fehlentwicklungen in der europäischen Sterbehilfedebatte hin. Sie erinnert daran, dass die Zahlen in der Schweiz zwischen 2010 und 2023 um 385 Prozent (von 356 auf 1729 Fälle) gestiegen seien, während die Zahl der übrigen Suizide konstant geblieben sei. Für sie ist diese Entwicklung ein Warnsignal, weil Sterbehilfeorganisationen mit ihrem Angebot «de facto eine effektive Suizidprävention» unterlaufen. Kummer betont: «Ein Suizid bleibt ein Suizid – auch wenn Dritte nach Absprache die Tötungsmittel zur Verfügung stellen. Prävention und nicht Angebote müssen oberstes Gebot bleiben.»

Kanada: Wenn ein System kippt

Kanada zeigt in besonderer Schärfe, wie sich Sterbehilfe ausweitet, sobald sie einmal gesetzlich verankert ist. Seit der Einführung von MAiD (Medical Assistance in Dying) im Jahr 2016 steigt die Zahl der Tötungen auf Verlangen rasant an. Immer häufiger geraten Menschen in Situationen, in denen sie MAiD beantragen. Dies nicht wegen schwerer körperlicher Schmerzen, sondern aufgrund sozialer oder existenzieller Belastungen wie Armut, Einsamkeit oder Behinderung.

Laut Carla Qualtrough, der kanadischen Ministerin für Inklusion für Behinderte, sei es mitunter leichter, eine medizinisch assistierte Tötung genehmigt zu erhalten als einen passenden Rollstuhl. Das zeigt, wie schnell ein System kippen kann, wenn der subjektive Wille über den objektiven Schutz des Lebens gestellt wird und gesellschaftliche Strukturen nicht mehr darauf ausgerichtet sind, Menschen in Krisen aufzufangen.

Wie Sprache die Grenzen verschiebt

Kummer beschreibt, wie sich drei Entwicklungen gegenseitig verstärken: die Vorstellung radikaler Selbstbestimmung, die weit verbreitete Angst vor Kontrollverlust am Lebensende und eine Sprache, die das Geschehen zunehmend beschönigt. In ihren Worten wird der Suizid als Befreiungsakt persönlicher Freiheit verstanden, während gleichzeitig die Sprache verschleiert, was wirklich geschieht. Viele Betroffene berichten zudem, dass die vielbeschworene Wahlfreiheit oft nur eine Illusion ist. Der viele «die Selbsttötung als einzigen Ausweg» sehen.

Wenn Systeme Druck erzeugen

Sterbehilfe wird nicht nur individuell gewählt, sie wird zunehmend systemisch begünstigt und genau darin liegt eine gefährliche Verschiebung. Frankreich zeigt, wie schnell sich ein System verändern kann, wenn Sterbehilfe einmal gesetzlich verankert ist. 2026 verabschiedete die Nationalversammlung ein Sterbehilfegesetz. Besonders umstritten ist ein neues «Behinderungsdelikt»: Wer versucht, jemanden vom Suizid abzuhalten, riskiert bis zu zwei Jahre Haft und 30’000 Euro Strafe. Zudem müssen staatliche wie private Institutionen Sterbehilfe zulassen; jede Verweigerung wird bestraft. Während die Palliativversorgung weiterhin unzureichend bleibt, wird Sterbehilfe zur regulären, von der Krankenkasse bezahlten Gesundheitsleistung – ein System, das nicht mehr schützt, sondern Druck erzeugt, besonders auf die Schwächsten.

Auch andere Länder ziehen aus solchen Entwicklungen Konsequenzen. Finnland etwa warnt offen vor einem Wertewandel und vor Risiken, die sich nicht mehr kontrollieren lassen, sobald Sterbehilfe einmal normalisiert ist. In der Schweiz wiederum werden assistierte Suizide nicht in die Suizidrate eingerechnet, was laut Kummer zu einer Verzerrung der Fakten führt. Und auch auf kantonaler Ebene zeigt sich, wie stark sich die Praxis verschiebt: Der Kanton Solothurn hat 2026 beschlossen, dass ab 2027 alle Alters- und Pflegeheime mit einem öffentlich-rechtlichen Auftrag Sterbehilfeorganisationen Zugang gewähren müssen. Dieser Schritt wird politisch als Fortschritt verkauft, treibt aber die Normalisierung weiter voran.

Demgegenüber zeigt die Palliativmedizin ein anderes Bild. Die Palliativmedizinerin Claudia Bausewein beschreibt, wie Menschen in der Annahme und Begleitung ihrer Situation reifen und sich noch entwickeln können. Viele sagten ihr, sie hätten bis dahin eine solche Fürsorge noch nicht erlebt. Sie betont, dass Lachen genauso wichtig sei wie befreiendes Weinen.

Die Schwächsten tragen die Folgen

Die Menschenrechtslogik, die lange selbstverständlich war, gerät zunehmend unter Druck. In der Debatte zeigt sich, dass der Wert eines Menschen nicht an Autonomie, Leistungsfähigkeit oder Selbstbestimmung geknüpft werden darf. Lebensschutz bedeutet, dass der Staat und die Gesellschaft besonders dort Verantwortung tragen, wo Menschen verletzlich sind und Unterstützung brauchen.

Gleichzeitig zeigt die Erfahrung, dass Sterbehilfe nie nur den Einzelnen betrifft. Angehörige berichten von Trauer und Schuldgefühlen, die lange nachwirken. Ein Suizid löst den Menschen nicht aus seinen Beziehungen; er hinterlässt Lücken, die bleiben. Wenn der Tod zur Option wird, entsteht zudem ein subtiler Druck auf jene, die sich ohnehin als Last empfinden.

Wer alt, krank oder einsam ist, braucht nicht die Möglichkeit, sein Leben zu beenden, sondern die Erfahrung, dass sein Leben weiterhin zählt. Der Psychiater Raimund Klesse beschreibt, was Menschen am Lebensende wirklich brauchen, nämlich «eine Abrundung und eine Versöhnung mit dem eigenen Leben». Diese Versöhnung entsteht nicht durch das Angebot des Todes, sondern durch Begleitung, Zeit und Nähe.

Was auf dem Spiel steht

Die Zürcher Abstimmung ist ein Brennglas. Sie zeigt, wie selbstverständlich Sterbehilfe geworden ist und wie schnell sich gesellschaftliche Normen verschieben. Die Erfahrungen aus Kanada und Europa machen sichtbar, wohin der Weg führt, wenn Autonomie verabsolutiert wird und damit jene unter Druck geraten, die am verletzlichsten sind.

Deshalb geht es nicht nur um eine kantonale Regelung, sondern um die Frage, welchen Wert ein Menschenleben hat, wenn es schwach, alt oder abhängig wird. Eine Gesellschaft, die Sterben zur Dienstleistung macht, verliert den Blick für diejenigen, die gerade dann Schutz und Zuwendung brauchen. Woran wir uns messen lassen, ist, wie wir mit denen umgehen, die uns am meisten brauchen.

 

Wo sehen Sie die Grenze zwischen Selbstbestimmung und gesellschaftlicher Verantwortung? Sollte Sterbehilfe in öffentlichen Einrichtungen weiter ausgebaut werden oder braucht es stärkere Grenzen?

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© Beitragsbild: ChatGPT (KI)

 

(Dieser Artikel erschien erstmals auf der Website von Zukunft CH – HOCH2 dankt für die Erlaubnis der Veröffentlichung auf unserer Website. HIER geht es zu Erstveröffentlichung.)

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